Flutkatastrophe
Sie alle sind „Helden“ 2021!

Ein Foto für die Geschichtsbücher: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in den Trümmern der durch die Flut schwer zerstörten Altstadt von Bad Münstereifel.
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  • Ein Foto für die Geschichtsbücher: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in den Trümmern der durch die Flut schwer zerstörten Altstadt von Bad Münstereifel.
  • Foto: Leserreporter Manfred Görgen

„Bernd“ und „Hubert“: Zwei ­Namen, die die Region 2021 verändert haben, und eine ­Katastrophe, die niemand für möglich ­gehalten hätte. Es gab Verletzte und im Kreis Euskirchen auch Tote zu beklagen. Unzählige verloren Hab und Gut, Erinnerungen, fast ihr ­gesamtes „Leben“. Und doch war es auch die Zeit für „Helden“ - all die Helfer aus Nah und Fern. Ganz zu schweigen von den persönlich Betroffenen, die zu einem großen Teil von der Eifel bis nach Erftstadt unermüdlich ihr Zuhause wieder aufbauen - ein Blick zurück und nach vorne:

von Martina Thiele-Effertz und Volker Düster

Es war Sommer - und doch regnete es - in Strömen. Tief „Bernd“ sorgte mit ungekanntem Stark­regen rund um den 14. und 15. Juli für eine verheerende Unwetterkatastrophe im Rheinland und in Rheinland-Pfalz. Malerische kleine Bäche und Flüsse wurden zu reißenden, tödlichen Fluten. 26 Menschen verloren im Kreis Euskirchen ihr Leben, Häuser wurden zerstört und fortgespült, Lkw und Autos wurden zu Spielzeugen der Flut, Autobahnen, Landstraßen, Brücken und Bahnverbindungen wurden zerstört, Verkehrsadern unterbrochen.

Das Leben, wie man es vor allem im Kreis Euskirchen, aber auch in Erftstadt kannte, gibt es so nicht mehr. Die berühmte Fachwerk-Altstadt von Bad Münstereifel ist einer der am schlimmsten getroffenen Orte. Die Schäden im Stadtkern unermesslich, zig Existenzgrundlagen von der Flut weggespült. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel verschaffte sich hier persönlich einen Eindruck - der einem Kriegsgebiet gleich kam. Und in den ersten Tagen nach der Flut war für viele die Katastrophe immer noch nicht überstanden. Für Zigtausende hieß es: Hoffen und Bangen!

"Hubert", der "Held" der Steinbachtalsperre

Alle fieberten mit den Kräften an der Steinbachtalsperre, denn: Würde der Damm brechen, käme es zu einer weiteren Flutwelle mit immensen Folgen. Ortschaften wurden evakuiert, das Technische Hilfswerk pumpte fortwährend Wasser aus der Talsperre, um Druck von der Mauer zu nehmen. Und dann schlug die Stunde von „Hubert“. Hubert Schilles, gläubiger Bauunternehmer aus Floisdorf, wurde wider seinen Willen zum „Helden“ für eine ganze Region „unterhalb“ der Steinbachtalsperre. Mit seinem Bagger räumte er den Abfluss der Talsperre frei, obwohl jederzeit der Damm und damit die Wassermassen hätten durchbrechen können.

Und dann waren da die vielen weiteren „Helden“-Geschichten - von Betroffenen und Helfern, die von überall her kamen. Wie André Horst, der Lkw-Fahrer aus Oppenau im Schwarzwald, der Sabine Bienentreu aus Euskirchen bei der Beseitigung der Flutschäden half und dafür extra zwei Wochen Urlaub nahm.

Da waren Petra Bianco und Oliver Knolle aus Metternich, die in der Woche der Katastrophe aus ihrem Wohnwagen nach einem Wasserschaden eigentlich wieder in ihr frisch renoviertes Haus ziehen wollten. Die Flut machte das Erdgeschoss erneut unbewohnbar und verwandelte den Keller in eine Schlammwüste.

Auch in Erftstadt spielten sich dramatische Szenen entlang der Erft ab - Menschen wurden per Helikopter gerettet, wie Angelika Faßbender (2.v.r.) und Marcel Schmitz in Weilerswist oder Horst Willems in Bliesheim. In Blessem stürzten, nachdem die Wassermassen in der Nähe der ortsansässigen Kiesgrube ein riesiges Erdreich-Areal ausgespült hatten, sechs Häuser in den Kraterabgrund. Auch hier standen, wie in der gesamten Umgebung, viele vor den schlammverschmierten Trümmern ihrer Existenz. Doch die Hilfe kannte auch hier kaum Grenzen, zum Beispiel dank Stefanie Schwarz und ihres Teams der Unwetter-Hilfe-Erftstadt, die Unglaubliches leisteten. Ebenso Helfer aus Nah und Fern wie Dietmar Basch aus Villingen-Schwenningen und Karl-Josef Welter (r.) aus Gymnich, die in Erftstadt und Umgebung anpackten - alle nur wenige Köpfe einer riesigen Gemeinschaft aus Betroffenen und Helfern - sie alle sind „Helden“ dieser Zeit.

Auswirkungen bis weit ins neue Jahr hinein

Und für viele Betroffene wird sich die Flutkatastrophe noch weit ins neue Jahr auswirken. Das gilt auch für viele Vereine, nicht nur im Bereich des Sports. Sie alle kämpfen um ihr jeweiliges „Zuhause“ und mancher Verein sogar ums Überleben. Bis alle Schäden beseitigt sind, vergehen noch Wochen und Monate.

Gleiches gilt für die Infrastruktur. Auch wenn zuletzt die A61 wiedereröffnet werden konnte, bleibt die A1 im Dreieck Erfttal zum Teil noch weit bis ins neue Jahr hinein gesperrt. Der kleine Liblarer Mühlengraben sorgte in der Katastrophe dafür, dass die Brückenbauwerke der Autobahn samt Fundamente zerstört wurden. In südlicher Richtung konnte die A1 kurz vor Weihnachten zwischen Hürth und Erftstadt zumindest provisorisch wieder freigegeben werden. In umgekehrter Richtung wird sich die Sanierung aber noch länger hinziehen. Alleine die Beseitigung der Schäden an den Autobahnen wird laut Autobahn GmbH 60 bis 70 Millionen Euro kosten.

Somit steht zu diesem außergewöhnlichen Jahreswechsel fest: Die Jahrhundert-Katastrophe hat 2021 tiefe Spuren in die Landschaft, Gebäude, Infrastruktur sowie vor allem in Euskirchen und Erftstadt besonders die Herzen der Menschen gerissen. Es wird auch 2022 noch sehr lange dauern, bis die „Wunden“ verheilen - wenn es denn überhaupt möglich ist...

Die Bliesheimer Bilanz kurz nach dem Unwetter

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss V des Landtags Nordrhein-Westfalen „Hochwasserkatastrophe“ hat mit der Aufarbeitung begonnen und weitere Beweiserhebungen in auswärtiger Sitzung in Erftstadt und Bad Münstereifel durchgeführt.

Wir wünschen - vor allem allen Betroffenen - alles Gute für 2022 und viel Kraft!

Redakteur:

Düster Volker aus Erftstadt

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