Fußballplatz und Berufskolleg
Jugendfußballer aus Kiew besuchen Sportschule und Berufskolleg

Elf der jungen Fußballer aus Kiew vor einem Freundschaftsspiel.
  • Elf der jungen Fußballer aus Kiew vor einem Freundschaftsspiel.
  • Foto: privat

Rhein-Sieg-Kreis. Als am 24. Februar Russland die Ukraine angriff und auch die Hauptstadt Kiew unter Beschuss nahm, änderte sich das Leben für die Menschen im Land. Der Direktor der Jugendakademie von Dynamo Kiew handelte spontan und setzte die Spieler der U17-Mannschaft, begleitet von zwei Müttern und einem Geschwisterkind, in einen Bus, der die Minderjährigen Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren nach Prag brachte. Von dort ließ sie der Meckenheimer Berater und Fußballtrainer Stefan Rönz, der jahrelange gute Beziehungen zu Dynamo Kiew pflegt, mit einem Bus nach Dresden holen und von dort dann mit dem Zug nach Bonn fahren. Zunächst hatte Rönz dafür gesorgt, dass die Nachwuchs-Kicker bei Gastfamilien unterkamen. Für die 28 Jungen fand er dann in enger Abstimmung mit dem Jugend- und Sozialamt der Stadt Hennef sowie mit Unterstützung vom Fußballverband Mittelrhein (FVM), in der Sportschule Hennef eine gemeinsame Bleibe, wofür das Jugendamt die Kosten trägt. Dort sind sie gut untergebracht und versorgt, trotzdem möchten sie schnell zurück in ihre Heimat, zu ihren Familien, von denen sie nun schon über drei Monate getrennt sind und nur online in Verbindung stehen. Das Fußballtraining lenkt die jungen Nachwuchsspieler aus der Region Kiew von Krieg und Heimweh etwas ab. Eine besondere Freude machte der FVM gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund den Spielern, als man sie zum EM-Qualifikationsspiel der deutschen U21-Nationalmannschaft gegen Lettland nach Aachen einlud. „Die Möglichkeit, dass die geflüchteten Fußballer die Partie als Zuschauer im Stadion hautnah miterleben konnten, wollten wir als Verband unbedingt nutzen und den Jugendlichen zeigen, welche Freude der Fußball entwickeln kann“, erklärte FVM-Geschäftsführer Dirk Brennecke. Im Stadion erlebten die ukrainischen Nachwuchs-Fußballer mit knapp 8.000 weiteren Zuschauern einen deutlichen 4:0-Sieg der deutschen Nachwuchsauswahl gegen Lettland vor toller Kulisse. Die Freude über den Stadionbesuch war der ukrainischen Stadtauswahl deutlichen anzumerken. Bei den Toren sprangen sie jubelnd auf und verabschiedeten mit der Deutschlandfahne schwenkend die deutsche U21-Mannschaft in die Katakomben. In Hennef werden die ukrainischen Spieler von Stefan Rönz täglich auf dem Gelände der Sportschule Hennef trainiert. Die Trainingseinheit dauert immer 90 Minuten. „Fast jede Woche organisieren wir ein Freundschaftsspiel für die Jungs, so spielten sie gegen den 1. FC Köln, Fortuna Düsseldorf, MSV Duisburg, Bayer Leverkusen, den Bonner SC, den FC Hennef 05 und andere kleinere Vereine. Das motiviert die Spieler immer wieder“, sagt Rönz über den Alltag seiner Schützlinge.

Seit dem 2. Mai besuchen die ukrainischen Fußballer am Vormittag das Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef. Dort sind sie mit weiteren sieben Flüchtlingen aus Kiew in zwei Klassen von je 17 Schülern untergebracht und bereiten sich bis zu den Sommerferien auf ihr Abitur vor. Hardy Degen ist Abteilungsleiter der Ausbildungsvorbereitung am Berufskolleg Hennef und zuständig für die internationalen Förderklassen der Schule. Für ihn und seine Kollegen war es eine besondere Herausforderung, die drei internationalen Förderklassen in vier aufzuteilen, zumal keine Räume zur Verfügung standen: „Wir haben von Null auf Hundert hier nach den Osterferien zwei Klassen eingerichtet und das war für uns ein ziemlicher Kraftakt“, sagt Degen, der selbst die jungen ukrainischen Schüler zwei Stunden in der Woche unterrichtet. Der Unterricht ist nicht unproblematisch, weil die Verständigung schwierig ist. Eine große Hilfe ist dabei Frau Braun, weil sie übersetzen kann. Sie ist beim Bundesfreiwilligendienst, unterstützt die Schule und hat selbst ukrainische Wurzeln. „Es ist aber so, dass die ukrainischen Schüler, seit der ersten Klasse Englisch haben, das heißt, es gibt welche, die sprechen aktiv gar nicht, die meisten verstehen einiges, und ein paar sprechen gut Englisch. Da kann man dann immer ein oder zwei rausnehmen, die dann übersetzen. Klar, es ist auch für die Lehrer eine besondere Anstrengung, in Englisch zu unterrichten, einigen fällt es schwer, anderen weniger. Sprache ist im Lehrberuf auch ein Disziplinierungs- und Motivationsmittel und sehr ausdrucksstark und daher wichtig“, schildert Degen die Verständigungsproblematik. Der Unterricht in den beiden Förderklassen läuft parallel mit dem Online-Fernunterricht. Vier Stunden Unterricht in der Schule, wobei der Lehrplan mit den Schülern selbst abgestimmt wurde, aber der Schwerpunkt liegt beim Deutschunterricht, der zwölf Stunden in der Woche einnimmt. Der Fernunterricht mit ihren Lehrern in der Ukraine dauert vier Stunden und wird auf alten Laptops der Sportschule online durchgeführt. „Die Aufgabe, dass sie viel Deutsch haben, war uns sehr wichtig, damit sie hier ankommen können und wir sie vorbereiten für die Abiturprüfung, die sie dann im Sommer beim Konsulat ablegen. Das ist dann so ein „Abi Light“, das heißt, mit dem können sie hier nicht studieren - falls sie hierbleiben möchten - weil sie dafür das internationale C2-Sprachniveau benötigen und das kriegen wir ja nicht hin“, betont Degen. Für die Fußballer der ukrainischen Flüchtlinge steht die Schule nicht im Mittelpunkt, sie wollen alle Profifußballer werden. Wie es mit den minderjährigen Ukrainern nach dem Abi weitergeht, ist noch unklar. Sie stehen alle unter Vormundschaft des Jugendamtes und werden im Vergleich zu anderen Flüchtlingen extrem intensiv betreut. Von der Bevölkerung in Hennef und der Region erfahren die Jugendlichen große Unterstützung mit Spenden, die auch Ausflüge ermöglichen. Der größte Wunsch ist aber, bald zurück in die Heimat zu können und dass der Krieg bald zu Ende ist.

Redakteur:

Alfred Heimermann aus Hennef

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