Not der Bedürftigen vor Ort
„Schaut, dass es euren Nachbarn gut geht“

Katrin Hagen, Waltraud Brüggemann, Regina Flackskamp, Barbara Köllmann, Claudia Gabriel und Christa Engel (von links) berichten über die Verwendung der Sammlungsgelder.
  • Katrin Hagen, Waltraud Brüggemann, Regina Flackskamp, Barbara Köllmann, Claudia Gabriel und Christa Engel (von links) berichten über die Verwendung der Sammlungsgelder.
  • Foto: Woiciech

Die traditionellen Caritas-Sammlungen lindern die Not von Bedürftigen vor Ort

Rhein-Sieg-Kreis. Der Caritas-Verband führt in der Regel in seinen Pfarrgemeinden zweimal im Jahr eine Sammlung durch. Im Moment läuft noch die Sommeraktion unter dem Motto „Du für den Nächsten“. Wie wichtig diese Gelder sind, ist oftmals nicht bekannt. Denn dieses finanzielle Polster der Pfarrcaritas fließt nicht in den großen Spendentopf, sondern kommt unkompliziert und unbürokratisch den Bedürftigen vor Ort zugute.

„Es ist wirklich so, dass bei Menschen hier in unserer Region häufig Mitte des Monats im Portemonnaie Ebbe ist“, erzählt Katrin Hagen von der „Allgemeinen Sozialberatung“. „Dann gibt es bei ihnen tagelang nichts zu essen und sie haben auch keine Nachbarn, Mütter oder Freunde, zu denen sie gehen können. Nicht einmal die Ernährung der Kinder ist sichergestellt.“

Diese akuten Gegebenheiten verschärfen sich seit 2021 gravierend. Infolge der Corona-Pandemie wurde die Situation, etwa für Selbstständige, anhaltend schlimmer. Nun kommen noch Teuerungen der Lebensmittel hinzu, sowie kletternde Energiepreise, die durch den Ukraine-Konflikt gewiss weiter explodieren werden. Nachzahlungen im vierstelligen Bereich bilden sich oder geringe Nachzahlungen stockt man mit zusätzlichen Kosten des Anbieters auf.

„Diese Ausweglosigkeit hat sich intensiviert. Im letzten Jahr kamen ein bis zwei Leute im Monat, heute sind es bereits ein Dutzend.“ Angesichts der Inflation und den steigenden Energiekosten entsteht so eine ganz neue Klientel. „Es gibt viele, die zuvor gerade so zurechtkamen. Zuerst probieren sie der Situation selbst Herr zu werden. Gelingt es nicht, suchen sie uns im letzten Moment auf“, fügt Regina Flackskamp, Engagementförderin vom Lotsenpunkt Troisdorf hinzu. Schlimm ist es oft für Senioren, die es aufgrund von Krankheit und Immobilität nicht mehr zur Tafel schaffen. „Bei den Alten muss der Leidensdruck dann sehr hoch sein, wenn sie letztendlich doch um Hilfe bitten.“

Obwohl die Sicherstellung der Grundversorgung Sache des Sozialstaates ist, zahlt das Jobcenter keinen Vorschuss. Die Bearbeitung braucht Zeit, doch die Familien haben keine. Deshalb wenden die Notleidenden sich an die „Lotsenpunkte“, die im ganzen Kreisgebiet zu finden sind. Die Ehrenamtlichen beraten vor Ort und leisten häufig kurzfristige finanzielle Unterstützung bei vorliegender Bedürftigkeit. „Natürlich prüfen wir das gründlich, aber solche Zahlungen können von uns nicht permanent geleistet werden. Auch die Tafeln sind eigentlich nur für den Notfall gedacht und sollen keine Dauerversorgung darstellen“, ergänzt Katrin Hagen. Barbara Köllmann, Caritasbeauftragte im Seelsorgebereich Sankt Augustin, berichtet weiter, dass die Lage mancherorts immer extremer wird. „Wir helfen im Lotsenpunkt in dringenden Fällen mit Lebensmittelgutscheinen. Aktuell kommen die Menschen allerdings schon Anfang des Monats zu uns. Ich habe das Gefühl, dass einige diese Unterstützung bereits fest einplanen.“ Deshalb ist es unentbehrlich, dass die Caritas mit ihren traditionellen Sommer- und Wintersammlungen die Kasse auffüllt. Während sich bei Christa Engel, Caritasverantwortliche von Hennef-Geistingen-Rott, in Westerhausen so 2.000 Euro anhäufen, bringt es Waltraud Brüggemann in Hennef-Warth auf rund 7.000 Euro Budget. Man setzt den Fokus für die Sammlungen verstärkt auf den Sommer, weil die Menschen regelmäßig draußen sitzen und man diese direkt ansprechen kann. „Im Winter ist es ja auch oft glatt und gefährlich“, äußerte Waldtraut Brüggemann. Die Bürger um einen Obolus zu bitten, erscheint nicht so schwierig. „Im Dorf kennt ja jeder jeden“, lässt Christa Engel einfließen. Vor der Pandemie gingen die Freiwilligen noch klassisch mit der Dose von Tür zu Tür. Da waren vermehrt Beträge von ein oder zwei Euro dabei, schon mal auch ein fünfzig Euro Schein. Wegen Corona kamen eher Flyer mit einer Kontonummer in Umlauf. „Das hat sich als sehr positiv erwiesen, denn die Menschen überweisen keine Kleinstbeträge“, fügte Waltraud Brüggemann hinzu. Aber auch, wenn man ein solches Budget aufbaut, bleibt es nur der Tropfen auf dem heißen Stein. „Viele Ehrenamtliche sind deshalb frustriert, können insgesamt an der Grundsituation jedoch nichts ändern“, bringt es Claudia Gabriel auf den Punkt.

An dieser Stelle spricht Katrin Hagen den christlichen Grundgedanken an: „Schaut alle nach links und rechts, dass es euren Nachbarn gut geht. Wenn jemand Hunger hat, dann ladet ihn zum Essen ein oder stellt ihm was vor die Tür. Es ist wichtig, dass alle aufeinander achten.“

Selbstverständlich kann man nicht nur während der Sammlung spenden, sondern rund ums Jahr. Die Öffnungszeiten und Ansprechpartner der Lotsenpunkte, ebenso der Allgemeinen Sozialberatung, sind auf der Internetseite unter www.caritas-rheinsieg.de aufgelistet.

Redakteur:

Dirk Woiciech aus Siegburg

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