Neustädter nimmt Abschied
Hilli sagt tschüss
- Regenbogenfarben überall in der Bergneustädter Trauerhalle.
- Foto: Jägerhof eG
Bergneustadt. Dem ausdrücklichen Wunsch des kürzlich im Alter von fast 83 Jahren verstorbenen Hilarius Dietmar Hillnhütter, genannt Hilli, folgend, wurde die Trauerfeier des Bergneustädter „Paradiesvogels“ in ein fröhliches Freudenfest umfunktioniert.
Regenbogenfarben
Im Kontrast zur üblichen Ausstattung mit Trauerflor war die voll besetzte Friedhofshalle mit Tüchern, Fahnen, Wimpeln und selbst gemalten Bildern seiner Enkel bunt geschmückt. Konventionell gekleidete Gäste erhielten am Eingang Schals, Anstecknadeln oder Aufkleber in Regenbogenfarben. Auf diese Weise begleiteten sie Hilli auf seinem Weg zum Ende des Regenbogens, wo – so sein Mantra – „ein Schatz vergraben ist“.
Hilli wollte ein buntes und fröhliches Abschiedsfest, bei dem jede(r) mindestens einmal lachen sollte. Mit Bestatter Martin Ahman hatte Hilli alles detailliert vorbereitet und Ahman angedroht, „wenn du es wagst, in Schwarz zu kommen, stehe ich nochmals auf“. Mit dem Bestatter hatte Hilli noch einen letzten Deal gemacht: Er tauschte seine Single-Schallplattensammlung gegen eine Urne, die er von seinen Enkeln bemalen ließ - natürlich im Regenbogendesign. Als Ahman auf einer der Singles eine Kostprobe von Hillis musikalischem Können als Bassgitarrist der Coverband „The Tony Hendrik Five“ zum Besten gab, wippten 200 Gäste mit. Nach dem gemeinsam angestimmten Hit „Somewhere over the rainbow“ gab es spontanen Applaus.
Künstler, Tüftler & Lehrer
Der bunt gekleidete Bestatter ließ wichtige Lebensstationen des Musikers, Künstlers, Tüftlers und langjährigen Kunst- und Physiklehrers am Bergneustädter Wüllenweber-Gymnasium Revue passieren. Wichtig waren Hilli nicht nur die Lehrpläne, sondern vor allem zusätzliche Angebote für seine Schülerinnen und Schüler. Legendär waren seine Mofa-Fahrkurse, für die er zwei selbst finanzierte Mofas anschaffte und über 1.000 Führerscheine ausstellte.
Lernen kann Spaß machen
Sein ehrenamtliche Engagement setze Hilli nach seiner Pensionierung als MINT-Botschafter fort. Mehr als 800 Mal besuchte er Kindergärten, Grund-, Haupt- und Gesamtschulen, Landschulheime, Jugendtreffs und Unternehmens-Lehrwerkstätten. Hier begeisterte er Kinder und Jugendliche mit seiner Physik-Show, indem er „aus etwas Technischem etwas Lebendiges machte“, wie eine Grundschul-Rektorin lobte.
Als Musiker, unter anderem als 24-Stunden-Dauermusikant für das Guinness-Buch der Rekorde, als Bühnenbildner bei Schul-Theateraufführungen, als Kunstmaler, als Erfinder und Tüftler oder eben als MINT-Botschafter hat Hilli Menschen etwas beigebracht, sie unterhalten und ihnen Wissen und Freude vermittelt.
Mit Aktionen Spenden generiert
Rund ein Dutzend Mal hat er sich bei öffentlichen Veranstaltungen, wie Weihnachtsfeiern des Gymnasiums, Schützenfest und Stadtgeburtstag, Bart oder Haare gegen Spenden abschneiden lassen. Die Erlöse aus dem Verkauf seiner farbigen Miniaturbildchen und seiner Linolschnitte spendete er ebenfalls heimischen Vereinen. Seinen gesamten Bilderbestand, darunter rund 3.000 selbst gemalte Miniaturbildchen, liebevoll „Hillis“ genannt, vermachte er der Jägerhof-Genossenschaft.
Ehrenbürger der Altstadt
Eine öffentliche Anerkennung für sein uneigennütziges pädagogisches und soziales Engagement blieb ihm verwehrt. Immerhin erhielt er 1965 vom Stadtgericht der Feste Neustadt aus der Hand des Gerichtsherrn und damaligen Bürgermeisters Carl Dick die nicht ganz ernst gemeinte „Ehrenbürgerschaft der Altstadt“. Hierhin zog er 20 Jahre später - in ein abbruchreifes Haus, sanierte es und gestaltete es mit unzähligen Innovationen in die „Villa Kunterbunt im Hilligässchen“.
Abschied
Als der mit regenbogenfarbigem Tuch bedeckte Sarg und die handbemalte Urne aus der Trauerhalle geführt wurden, blies Enkelin Lotta auf dem Waldhorn den Gospel-Hit „When the Saints go marching in“. Der so zelebrierte Auszug ging mit Applaus und mit Lächeln einher, auch wenn hier und da eine Träne verdrückt wurde. Der Abschied von Tausendsassa Hilli war nicht leise, sondern ein buntes und fröhliches Fest, ganz wie er es sich gewünscht hatte.
Redakteur/in:RAG - Redaktion |
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