Hochwasserschutz
Erftverband, Stadt und auch die Bürger sind gefordert

Dr. Christian Gattke, Jens Hoffesommer, Dirk Schulz, Ulrich Eckhoff und Robert Schmidt (v.l.) tauschten sich zum aktuellen Stand der Dinge zum Hochwasserschutz in Erftstadt aus.
  • Dr. Christian Gattke, Jens Hoffesommer, Dirk Schulz, Ulrich Eckhoff und Robert Schmidt (v.l.) tauschten sich zum aktuellen Stand der Dinge zum Hochwasserschutz in Erftstadt aus.
  • Foto: Düster

„Viele Betroffene haben das Flut-Trauma aus dem ­vergangenen Jahr noch immer nicht verarbeitet. Wenn die Erft ­wieder steigt, sind die ­Nerven maximal angespannt. Deshalb muss dringend eine Kommunikation stattfinden, wie es weitergeht!“

Fast ein Jahr nach der Flutkatastrophe beschäftigt die gesamte Region weiterhin die Frage: Was wird von den zuständigen Stellen unternommen, um künftig besser auf Hochwasser- und Starkregen-Ereignisse vorbereitet zu sein? Auch in Erftstadt stellt sich vielen Bürgern diese Frage - allen voran der im Dezember 2021 gegründeten „Hochwasser Initiative Erftstadt“ (HIE). Deren Sprecher Robert Schmidt und Ulrich Eckhoff übten jüngst Kritik am Tempo der Maßnahmen, vor allem aber am Informationsaustausch mit der Bevölkerung: „Die Menschen möchten wissen, was geplant ist, und was wann konkret passiert. Wir haben den Eindruck, es könnte insgesamt schneller vorangehen. Es muss doch eine griffige Planung geben für einen Prozess, der auch ein Ende erkennen lässt“, fassten Schmidt und Eckhoff zusammen. Dieser Kritik stellten sich Dr. Christian Gattke vom Erftverband, der in der Erft-Region Hochwasserrückhaltebecken zur Verbesserung des Hochwasserschutzes baut und betreibt, sowie die beiden Vertreter der Stadt Erftstadt, Dirk Schulz, technischer Beigeordneter, und Jens Hoffesommer, Abteilungsleiter Umwelt- und Naturschutz.

Schutzmaßnahmen im Oberlauf der Erft gefragt

„Den Eindruck, dass alles nicht schnell genug geht, kann ich verstehen“, erklärte Dr. Christian Gattke, versicherte aber, „wir arbeiten mit Hochdruck an der Verbesserung des Hochwasserschutzes – das wird auch gelingen, es braucht aber Zeit!“ Dr. Gattke betonte: „Die Schutzmaßnahmen für Erftstadt dürfen ja nicht erst hier beginnen. Da sind Maßnahmen im Oberlauf der Erft gefragt.“ Der Erftverband muss daher die Gesamtlage entlang der Erft und ihrer Zuflüsse analysieren – und das über die Grenzen von Kommunen und Kreisen hinweg. Zur Aufstellung eines kommunenübergreifenden Hochwasserschutzkonzepts „von der Quelle bis zur Mündung, also von Bad Münstereifel und dem Kreis Euskirchen bis hinunter in den Rhein-Kreis Neuss“, wie es vom Land gefordert und gefördert wird, haben sich die Kommunen und Landkreise im südlichen Erfteinzugsgebiet bis Bergheim zu einer Hochwasserschutzkooperation zusammengeschlossen. Weitere Kommunen und der Rhein-Kreis Neuss haben bereits Interesse an der Mitarbeit bekundet. Dem Erftverband obliegt dabei die Projektleitung.

Einzigartig in ganz Deutschland

Dass so viele Kommunen und Kreise für ein Projekt zusammenarbeiten, ist dabei „in dieser Größenordnung einmalig in ganz Deutschland“, betont Dr. Gattke. „Wir müssen die Analysen und Maßnahmen dieser außergewöhnlichen Kooperation interkommunal koordinieren. Überall müssen in den Kommunen Fachbüros beauftragt werden, da kommt es zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den Prozessen, aber: Letztlich soll überall das Gleiche passieren.“ Dazu sollen auch explizit Bürgerworkshops gehören. „In Bad Münstereifel hat es bereits erste Veranstaltungen gegeben. Dabei sollen dann auch immer Pläne auf den Tisch kommen, noch sind wir aber in der Analyse“, erklärte Dr. Gattke und ergänzte: „Das Land Nordrhein-Westfalen hat sich verpflichtet, sowohl die Konzepte als auch die Umsetzung zu fördern. Wir gehen aber insgesamt von einem Prozess von drei Jahren aus, bis wir neue interkommunale und kommunale Hochwasserschutzmaßnahmen realisiert haben.“

Erftverband plant 50 zusätzliche Rückhaltebecken

Insgesamt geht Dr. Christian Gattke allein bei den Maßnahmen des Erftverbands von einer Größenordnung in Höhe von 100 Millionen Euro aus, denn: „Aktuell stehen 23 Rückhaltebecken zur Verfügung. Nun sollen 50 weitere Bauwerke folgen. Die Planungen, wo diese am sinnvollsten errichtet werden, sollte Ende des Jahres abgeschlossen sein.“ Hinzu kommen die Investitionen für die kommunalen Maßnahmen, die sich aktuell noch nicht beziffern lassen. Begleitende Schutz-Optionen werden auch bereits früher geprüft: „So hat die Stadt Zülpich zum Beispiel angeregt, den Wassersportsee als zusätzlichen Stauraum zu nutzen.“

An dieser Stelle versicherte Dirk Schulz, dass auch bei der Stadt Erftstadt die Thematik „mit Hochdruck bearbeitet wird, auch wenn man nicht schon unmittelbar etwas sieht.“ Doch in den Bereichen Flächenvorsorge, wo darf überhaupt noch wie neu gebaut werden oder bei der Renaturierung der Erft, wie zuletzt in Gymnich, bilde auch der Hochwasserschutz eine entscheidende Komponente.

Schutz vor Starkregen-Ereignissen im Fokus

„Wir als Kommune liefern für unseren Bereich ebenfalls ein Hochwasserschutz-Konzept, im Grunde eine ‚kleine Schwester‘ zum interkommunalen Gesamtkonzept, zu dem die Maßnahmen natürlich passen müssen“, so Jens Hoffe­sommer. „Insgesamt gilt es, Maßnahmen zu finden, die an anderer Stelle keinen Schaden anrichten und auch längerfristig sinnvoll sind“, betonte Dirk Schulz. „Das alles muss vorab mit verlässlichen Prognosen geprüft werden.“

Für Jens Hoffesommer ist kommunal aber vor allem der Schutz vor Starkregen-Ereignissen zu forcieren, „denn die sind deutlich wahrscheinlicher als Hochwasser-Situationen in solchen Dimensionen.“ Die Stadt habe bereits geeignete Ingenieurbüros gesucht und die Bürger bei Prozessen beteiligt. Nun sei man aber auch auf die Hilfe der Anwohner angewiesen, so Hoffesommer, der den Ball damit an die Hochwasser-Initiative zurückspielte.

„Die Bürger müssen den Fragebogen beantworten!“

Ulrich Eckhoff und Robert Schmidt pflichteten Hoffesommer in diesem Punkt bei und bemängelten die fehlende Unterstützung der Bürgerschaft beim HIE-Projekt der Anwohner-Befragung. Vor gut zwei Monaten hatte die Initiative insgesamt 7000 Fragebögen in den betroffenen Stadtteilen verteilt. „Bislang sind aber nur 500 zurückgekommen. Doch gerade bei den Starkregen-Ereignissen sind wir auf die Rückmeldungen angewiesen, weil wir sonst keine Einblicke in die Problembereiche haben. Wichtig sind dabei auch Rückmeldungen aus Straßenbereichen, die nicht betroffen waren, um diese ausschließen zu können“, fassten die HIE-Sprecher zusammen und appellierten an die Erftstädter: „Füllen Sie bitte die verteilten Fragebögen aus oder besuchen Sie unsere Internetseite www.hi-erftstadt.de und laden Sie sich dort den Fragebogen herunter. Wir sind auf die Rückmeldungen angewiesen, um ein Lagebild realisieren zu können.“ Daraus würde sich dann ein konkretes Starkregenkonzept ergeben, für das Fördermittel akquiriert werden und in der Folge Ausschreibungen für Ingenieurbüros erfolgen könnten, um beispielsweise Abwasserkanäle zu sanieren oder neu zu dimensionieren. „Rückmeldungen fehlen uns vor allem noch aus Bliesheim, Lechenich, Dirmerzheim und Ahrem“, erklärten die HIE-Sprecher, die betonten: „Wir unterstellen nicht, dass nicht gearbeitet wird. Uns geht es um die Kommunikation, um Informationen zum Stand der Dinge!“

Bürger sollen künftig besser informiert werden

Diesbezüglich erklärte Dr. Christian Gattke: „Es soll bald ­eine zentrale Internetpräsenz geben, die alle Planungen und Maß­nahmen dieses interkommunalen Hochwasserschutz-Konzeptes umfasst – auch die Termine für Informationsveranstaltungen der Kommunen und des Erftverbandes, wie zum Beispiel am 3. September am Rückhaltebecken Niederberg.“

Für die Stadt Erftstadt erklärten Dirk Schulz und Jens Hoffesommer, dass „Informationsveranstaltungen im Anschluss an die Sommerferien geplant sind.“ Schulz versicherte noch einmal, dass „bei der Stadt eine hohe Sensibilität zum Thema herrscht. So wurde bei der jüngsten Unwetter-Warnung unmittelbar ein Stab für außergewöhnliche Ereignisse auch mit dem Erftverband und der Feuerwehr eingerichtet.“

Insgesamt, so Dr. Gattke, Schulz und Hoffesommer, gelte aber: „Wir werden auch mit allen Maßnahmen nie sagen können, dass sich niemand mehr sorgen muss.“ Jens Hoffesommer wies auch noch einmal auf die private Verantwortung hin, sein Eigentum zu schützen: „Auch darüber werden wir weiter informieren. Wer besonders gefährdet ist, lässt sich ganz gut an Hand der Gefahrenkarte von www.geoportal.nrw ablesen.“

Und so stand am Ende die Erkenntnis: Der Erftverband, die Stadt, aber auch die Bürger sind aufgefordert, Informationen weiterzugeben, damit ein möglichst guter Schutz vor Hochwasser- und Starkregen-Ereignissen zu realisieren ist.

Redakteur:

Düster Volker aus Erftstadt

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