Vor 130 Jahren am Augustinerplatz
Wie das Kino in Köln laufen lernte

Der Film war in Köln 1896 noch kein billiges Volksvergnügen, sondern eher eine kostspielige technische Sensation: mit 50 Pfennig Eintritt war er für viele Arbeiter erschwinglich, aber allenfalls eine Ausnahme. | Foto: KI-generiert
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  • Der Film war in Köln 1896 noch kein billiges Volksvergnügen, sondern eher eine kostspielige technische Sensation: mit 50 Pfennig Eintritt war er für viele Arbeiter erschwinglich, aber allenfalls eine Ausnahme.
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Köln ist eine Filmstadt. Heute mehr denn je. In den MMC-Studios in Ossendorf werden große internationale Produktionen gedreht und für unzählige Film- und TV-Aufnahmen diente die ganze Stadt bereits als Kulisse und Drehort zugleich. Was viele aber kaum wissen: Köln war schon ganz am Anfang mittendrin. Vor 130 Jahren, am 20. April 1896, wurde die Domstadt zum Schauplatz eines Moments, der Geschichte schrieb. In einem Haus am Augustinerplatz 12 huschten an diesem Tag zum ersten Mal die „lebenden Photographien“ des Kinematographen Lumière über die Leinwand. Köln war damit Kino-Stadt von Anfang an.

von Holger Bienert

Was heute selbstverständlich ist, war damals eine Sensation. Erstmalig wurden einem Publikum in Köln „Filme“ öffentlich gegen Eintritt vorgeführt, in einem eigens dafür hergerichteten Raum, mit einer eigens dafür geschaffenen Apparatur. Der Kölner Stadt-Anzeiger kündigte in seiner Ausgabe am 20. April 1896 die Vorführung „dieser neuesten in Paris, London und Wien mit so lebhaftem Beifall aufgenommenen Erfindung auf dem Gebiet der Schnellphotographie“ an.
Die bahnbrechende Erfindung der Brüder Louis und Auguste Lumière hatte erst wenige Monate zuvor in Paris die neue Ära eingeleitet. Im Kölner Programm waren mindestens drei „Filme“ – Feierabend in einer Fabrik, Brechen der Wogen an einer Klippe und Einfahren eines Schnellzuges in einen großstädtischen Bahnhof – aus der legendären Aufführung vom 28. Dezember 1895 im Grand Café Paris, der Geburtsstunde des Kinos. Noch spannender für das heimische Publikum wurde es zu Pfingsten 1896. Am 23. Mai zeigte der Kinematograph erstmals Aufnahmen mit Kölner Motiven: „Am Kölner Dom nach dem Hauptgottesdienst“, „Ankunft eines Eisenbahnzuges auf dem Kölner Bahnhofe“ und „Feierabend einer Kölner Fabrik“. Köln sah plötzlich nicht nur die Welt – Köln sah sich selbst auf der Leinwand.
Wie stark bereits die Premiere im April wirkte, zeigt der Bericht der „Kölnischen Zeitung“ einen Tag später in ihrer Abendausgabe. Es sei, so der Reporter, als „wenn wir an einem weitgeöffneten Fenster stünden und hinausblickten, bald auf einen Fabrikhof, bald auf das weite Meer, bald auf einen großstädtischen Bahnhof. Alles erscheint vor den Augen des Publikums mit solcher Natürlichkeit, dass dieses Ausrufe des Erstaunens nicht unterdrücken kann“. Seine Vorhersage sollte sich bestätigen: „Zweifellos wird der Apparat hier in Köln großes Aufsehen erregen.“ Und das tat er. Aufführungen gab es fortan täglich von 11 bis 13 Uhr, und von 15 bis 22 Uhr. Für 50 Pfennig – reservierte Plätze kosteten eine Mark – bekamen die Zuschauer im Saal des ersten Stocks etwa 30 Minuten lang zehn „lebendige Bilder“ mit dem Kinematographen vorgeführt. Ein billiges Vergnügen war das nicht. Und auch kein abendfüllendes. Doch darauf kam es gar nicht an. Entscheidend war der Effekt: Anziehungskraft hatte die bis dahin einmalige naturgetreue Projektion von Bewegung auf eine große Leinwand.
Schon vor der Aufführung in Köln war die Betrachtung lebendiger Bilder ein faszinierendes Freizeitvergnügen. Der Kinematograph Lumière war nur der vorläufige Endpunkt einer Reihe zahlreicher Erfindungen, die Bilder in Bewegung brachten: das Kinetoskop von Thomas Alva Edison, das Elektro-Tachyskop von Ottomar Anschütz oder das Bioscop von Max und Emil Skladanowsky. An diesen technischen Entwicklungen hatte ein Kölner Unternehmer immer den Finger am Puls der Zeit: Ludwig Stollwerck, Fabrikantensohn der Kölner Schokoladen-Dynastie. Sein Beitrag zur Filmgeschichte war allerdings eher Zufall.
Am Anfang der Kölner Film-Historie stand etwa nicht die neue Kunst, sondern der Kommerz. Und verantwortlich für den Kino-Coup war der Unternehmer mit seiner Deutschen Automaten-Gesellschaft (DAG). Stollwerck hatte den richtigen Instinkt, aus einer technischen Sensation ein großes Geschäft zu machen.
Die Stollwerks waren die führenden Schokoladenfabrikanten in Deutschland und Ludwig zuständig für den Vertrieb. Er intensivierte Reklame, arbeitete mit Sammelbildern und Alben, baute den Automatenvertrieb aus und machte aus den zunächst als Werbemittel gedachten Automaten ein Massen- und Vertriebssystem. 1893 standen 15.000 Automaten, die Appetit auf Schokolade machen sollten. 1895 überführte er diesen Bereich in die Deutsche Automaten-Gesellschaft Stollwerck & Co. (DAG). Über genau diese Vertriebslogik gelangte er dann auch zum Film. Bei der Mechanisierung des Schokoladenverkaufs entsprach eine Apparatur wie das Kinetoskop von Edison ganz den Absichten des Unternehmers. Nach Einwurf einer Münze konnte eine einzelne Person in einem Kasten anschließend für etwa 30 Sekunden bewegte Bilder betrachten, die in Dauerschleife durch den Apparat liefen. Ihre automatischen Probenverkäufer präsentierte die DAG zudem einem kaufkräftigen Publikum in einer ständigen Ausstellung in der exklusiven Kaiserin-Augusta-Passage in Köln.
Der Kauf des Kinematographen Lumiére erfolgte nur, weil er als „Schnäppchen“ zu haben war. Im März 1896 sah Stollwerck in London den „Cinématographe Lumière“ und erwarb kurz darauf die Verwertungsrechte für Deutschland. In einem Brief schwärmte der Unternehmer am 16. April 1896, er habe in seinem Leben noch keine Erfindung zuvor gesehen, „mit welcher ohne Risiko und fast ohne Arbeit so viel Geld verdient wurde“. Das bedeutete nur, dass der Kaufmann mit der Konzession ein sofort einsetzbares, massenwirksames und über seine DAG schnell ausrollbares Unterhaltungsprodukt bekam. Es war also weniger „billig“ im simplen Sinn als vielmehr außerordentlich günstig im Verhältnis von Risiko zu kurzfristiger Erlöschance. Kurz gesagt: wenig Risiko, maximaler Gewinn.
Aus den anfangs vier Apparaten wurden bis zum Sommer 1896 acht, die die DAG in Deutschland hauptsächlich in ihren ständigen Automaten-Ausstellungen betrieb. 1896 sollen etwa 1,4 Millionen Zuschauer die Lumière-Vorführungen von Stollwerck in angemieteten Sälen und Automaten-Magazinen besucht haben. Der Kaufmann wurde also eher zufällig zum Kino-Pionier.
Bis zu den ortsfesten Einrichtungen „Kino“ sollte es allerdings noch dauern. Erst 1906 setzte in Köln ein regelrechter Kino-Boom ein. Auch die Wege Stollwercks und der Film-Pioniere Lumière trennten sich schon Anfang 1897. Ursachen waren Brände bei Vorführungen, Schadenersatzstreitigkeiten und unterschiedliche Geschäftsinteressen. Aber der Anfang war gemacht. Und hier liegt die Pointe der Geschichte. Auch wenn Stollwercks Interesse in erster Linie nur dem Schokoladenverkauf galt: Ludwig Stollwerck etablierte regelmäßige Filmvorführungen, ließ Aufnahmen in Köln herstellen und band das neue Medium an eine urbane Öffentlichkeit. Die kulturgeschichtliche Wirkung war enorm. Noch heute verbringen Menschen gemeinsam Zeit vor einer Leinwand, die gemeinsam staunen, lachen und weinen. Denn Kino funktioniert heute noch.

Der Film war in Köln 1896 noch kein billiges Volksvergnügen, sondern eher eine kostspielige technische Sensation: mit 50 Pfennig Eintritt war er für viele Arbeiter erschwinglich, aber allenfalls eine Ausnahme. | Foto: KI-generiert
Das Haus Augustinerplatz 12.  | Foto: gemeinfrei
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EXPRESS - Die Woche - Redaktion aus Köln

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