Wanderung zum Mount Everest Basislager
Wie fühlt es sich an, in großer Höhe zu wandern?

In genau sechs Wochen am 31. März breche ich zusammen mit meinen beiden jüngsten Kindern (25 und 20 Jahre alt) nach Nepal auf, um zum Mount Everest Basislager zu wandern. Wir fliegen mit Turkish Airlines ab Köln nach Istanbul und vorn dort weiter nach Katmandu in Nepal, wo wir am 1. April morgens ankommen werden. Nach einer Nacht in Katmandu fliegen wir am 2. April mit einem kleinen Flugzeug nach Lukla. Lukla ist ein Örtchen im Himalaya auf 2.860 m Höhe. Der Flughafen dort liegt auf einem kleinen Bergplateau und die kurze Start- bzw. Landebahn weist ein starkes Gefälle auf. Lukla gilt als „gefährlichster“ Flughafen der Welt. Im Jahr 2017 kam es dort zu einem furchtbaren Unfall, als ein ankommender Flieger bei Nebel die Landebahn verpasste und in den Berg unterhalb des Flughafens krachte (https://www.youtube.com/watch?v=GddnY4tRZ9o).

Nun jedoch zum Thema: Wie gesagt, unsere Wanderung beginnt am 2. April in Lukla auf 2.860 m Höhe. Viele von euch kennen solche Höhen vom Skifahren. In den Alpen sind 2.860 m hochalpines Gelände, das ein gutes Stück oberhalb der Baumgrenze liegt. Im Himalaya liegt die Baumgrenze bei ca. 4.200 m. Das heißt, die Gegend um Lukla ist noch gut bewaldet, was allerdings für das individuelle Höhenempfinden keine Rolle spielt. Ohne Akklimatisierung spürt man bei 2.860 m Höhe bereits deutlich den reduzierten Sauerstoffgehalt in der Luft. Auf dieser Höhe beträgt er nur noch ca. 65% des Gehalts auf Meereshöhe. Deshalb ist es eigentlich nicht optimal, nicht akklimatisiert, d.h. ohne längerfristige Anpassung des Körpers, mit dem Flugzeug zu derart hochgelegenen Orten zu fliegen und mit dem Wandern zu beginnen. Es ist nicht optimal, aber dennoch erträglich. Man schnauft etwas und die Schlafqualität ist deutlich reduziert.

Im Falle unserer Wanderung zum Everest Basislager ist der Wanderungsbeginn auf der größeren Höhe von Lukla auch deshalb tolerierbar, weil die Strecke ab Lukla bis zum Basislager sehr moderat ansteigt. Insgesamt wandern wir 10 Tage bergauf. Dabei steigen wir auf einer ca. 63 km langen Strecke von 2.780 m bis auf ca. 5.640 m Höhe auf. Dann erreichen wir den Gipfel des Kala Patthars, ein gegenüber vom Basislager gelegener Hügel, von dem man einen wunderbaren Blick auf den Mount Everest hat.

Für ungeübte Bergwanderer wie uns ist 5.640 m Höhe gewaltig. Der Sauerstoffgehalt beträgt auf dieser Höhe nur noch knapp 45% dessen, was er auf Meereshöhe beträgt. Das fühlt sich verdammt unangenehm an. Akklimatisierung ist dringend erforderlich. Höhenakklimatisation bedeutet, dass im Blut zusätzliche rote Blutkörperchen gebildet werden, um den vorhandenen Sauerstoff besser transportieren zu können. Auf diese Weise passt sich der Körper an den geringeren Sauerstoffgehalt in größeren Höhen an. Die von uns geplanten 10 Wandertage reichen an und für sich aus, um das in ausreichendem Maße zu gewährleisten. Für die Besteigung eines 8.000ers oder das Durchführen eines Marathonlaufs in großer Höhe würde eine solche Akklimatisationszeit allerdings bei weitem nicht ausreichen. Wir sind deshalb allenfalls mittelmäßig akklimatisiert. Entsprechend werden wir wahrscheinlich nicht schlimm erkranken oder sterben. Aber wir werden leiden. Schlaflosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit und erhebliche körperliche Schwäche werden wir höchstwahrscheinlich erleben. Höhen über 4.500 m sind nicht ohne. Man muss auf sich aufpassen. Wer das nicht tut kann sein Leben gefährden. Es gibt Menschen, die solche Höhen nicht ertragen.

Woher weiß ich das? Ich habe es beim Aufstieg auf den Kilimandscharo (5.895 m) 2019 am eigenen Leibe verspürt. Jedes einzelne der beschriebenen Symptome habe ich durchlitten. Es war hart. Es war anders. Aber trotzdem auf eine ganz besondere Art und Weise faszinierend schön. Im Nachgang auf diesen Aufstieg habe ich folgenden Text verfasst:

„Am Montag dem 3. Juni 2019 hatte ich das große Glück, zusammen mit meiner Tochter auf den Gipfel des Kilimandscharo zu steigen. Die Besteigung des Kilimandscharo ist technisch vollkommen anspruchslos. Nichtsdestotrotz ist der letzte Teil der Besteigung anstrengend. Höhepunkt ist die Durchsteigung der relativ steilen Vulkanflanke von den Kibo Huts auf 4700 m Höhe bis zum Gilman‘s Point auf 5690 m Höhe. Wir brachen um Mitternacht auf und waren ca. um 5:00 morgens am Gilman‘s Point. Es war bis -20C kalt und die Höhe machte uns zu schaffen. Wir empfanden den Aufstieg beide als die körperlich anstrengendste Aktivität unseres Lebens. Ich wollte zweimal aufgeben. Es ist in dieser Situation vollkommen normal zu erbrechen.
Dennoch empfand ich diese Erfahrung als einmalig schön. Sie will mir nicht aus dem Kopf gehen. Der Sternenhimmel ist an dieser Stelle von wundervoller Klarheit und Schönheit. Ich hatte, während ich vollkommen außer Atem in der Vulkanflanke kraxelte, das Gefühl, Gott näher zu sein. Ein wahnsinnig berauschendes Erlebnis. Suchtgefahr.“

Leserreporter:

Oliver Gritz aus Bonn

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