Rück- und Ausblicke
100 Jahre Naturschutzgebiet Siebengebirge

Insbesondere der Steinabbau  wie hier am Stenzelberg bei Heisterbacherrott - hinterließ im Siebengebirge dramatische Spuren. | Foto: Zumbusch
  • Insbesondere der Steinabbau wie hier am Stenzelberg bei Heisterbacherrott - hinterließ im Siebengebirge dramatische Spuren.
  • Foto: Zumbusch

Siebengebirge. Welches Naturschutzgebiet denn nun das erste in Deutschland war, darüber verschwimmen gelegentlich die zeitlichen Grenzen. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar: Zuerst kam das Neandertal im Jahre 1922 in den Genuss, als Schutzgebiet ausgewiesen zu werden. Dann die Lüneburger Heide und kurz danach das Siebengebirge. „Wir reden also immer gerne von dem ,faktisch‘ ältesten Naturschutzgebiet in Bezug auf das Siebengebirge“, erklärte Hans-Werner Frohn, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Naturschutzgeschichte, auf der Feier zum 100-jährigen Bestehen des Naturschutzgebietes Siebengebirge auf Schloss Drachenburg. Gemeinsam mit dem Kölner Regierungspräsidenten Thomas Wilk und dem Vorsitzenden des Verschönerungsvereins für das Siebengebirge (VVS) Hans Peter Lindlar blickte Frohn auf die Vergangenheit und die Zukunft des Siebengebirges.

Am 20. Januar 1923 war die neue Schutzverordnung für das Siebengebirge in Kraft getreten. Bis zu dem Zeitpunkt hatten sich sowohl Bürger als auch Hoheiten aus dem Kaiserhaus sowie einflussreiche Politiker für den Erhalt der Wälder mit Flora und Fauna in dem kleinen Mittelgebirge stark gemacht.

Die Geschichte des Naturschutzes ist im Siebengebirge fest verankert. 1836 ergriff der damals regierende preußische Staat zu Maßnahmen, um die Drachenfelsruine, die durch den darunter liegenden Trachytsteinbruch erhebliche statische Probleme hatte, vor dem Absturz zu sichern. Längst hatten die preußischen Akteure durch die hohe Zahl der einreisenden Rheintouristen erkannt, welche Bedeutung das Siebengebirge für die Gesellschaft entwickeln konnte. Insbesondere die Engländer hatten durch ihre Reiselust und Flucht vor tristen Industriegebieten im eigenen Land die „Rheinromantik“ ausgelöst und die Schönheiten des Siebengebirges damit in ein ganz neues Licht gerückt. Zum Schutz der Drachenfelsruine kaufte der preußische Staat zunächst Flächen auf.

Zu Interessenskonflikte kam es mit den Steinbruchbetreibern im 19. Jahrhundert. Insbesondere der Basalt aus dem Siebengebirge war aufgrund der Neuanlage zahlreicher Straßen und Eisenbahnstrecken äußerst gefragt. In diesem Spannungsfeld gründete sich 1870 der VVS, deren Mitglieder seinerzeit noch weniger den Schutz der Natur, als die Ausweisung der Landschaft als Erholungsraum für die Menschen im Sinn hatten.

Eigentumserwerb sollte die wirksamste Maßnahme gegen die Zerstörung der Landschaft bleiben. Der Erhalt, die Gestaltung und die Pflege der Landschaft durch den VVS bieten seither bis heute einen Ausgangspunkt für naturschutzfachliche Impulse. Die Anerkennung als Naturschutzgebiet 1923 und auch die Auszeichnung mit dem Europadiplom 1971 - inzwischen achtmal verlängert - krönte die Arbeit der Naturschützer.

Anlässlich des Jubiläums zog auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), dessen Akteure ebenfalls auf zahlreichen Flächen im Siebengebirge naturschutzfachlich unterwegs sind, Bilanz. So seien fehlende Schutzvorgaben, mangelnde Umsetzung von Maßnahmenkonzepten und Zulassung von Natur zerstörenden Belastungen wie etwa radikale Kahlschläge und Bebauung bis an die Grenzen des Naturschutzgebietes heran, kontraproduktiv. Die Besinnung auf dringend notwendige Schutzanstrengungen sei wichtiger denn je, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten. Der Natur sei stets Vorrang einzuräumen. Das Siebengebirge sei kein „Selbstbedienungsladen“ und schon gar keine Flächenreserve für neue Nutzungswünsche.

Freie/r Redaktionsmitarbeiter/in:

Iris Zumbusch-Czepuck aus Königswinter

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