Ein Dorf rettet seinen Kirchturm
Der arme Vetter des Doms
- Schon seit Monaten ist der Kirchturm von St. Martinus in Kierdorf eingerüstet. Der Turm selbst und auch das Dach müssen grundlegend saniert werden.
- Foto: H. Klütsch
Erftstadt-Kierdorf (red). Wer in Kierdorf zur Kirche hinaufschaut, erkennt sofort: Hier wird nicht einfach nur ausgebessert. Seit Monaten verschwindet der markante Turm von St. Martinus hinter Gerüststangen und Planen. Was zunächst wie eine gewöhnliche Baustelle wirkt, ist in Wahrheit ein Kraftakt für den Erhalt eines Stücks Dorfgeschichte.
Die Pfarrkirche St. Martinus prägt das Ortsbild von Erftstadt-Kierdorf seit Jahrhunderten. Nicht ohne Stolz wird sie im Ort gelegentlich als „der arme Vetter des Kölner Doms vom Lande“ bezeichnet. Tatsächlich reicht ihre Geschichte weit zurück: Während am Kölner Dom erst 1248 der Grundstein gelegt wurde, entstand der romanische Turm von St. Martinus bereits zwischen 1160 und 1170. Aus Tuffstein errichtet und vermutlich ursprünglich als Wehrturm genutzt, zählt er zu den ältesten Bauwerken der Region.
Doch das Alter hinterlässt Spuren. Seit März umgibt ein über 20 Meter hohes Gerüst den denkmalgeschützten Turm. Spezialisten erneuern beschädigte Tuffsteine und verfugen das historische Mauerwerk neu. Große Schutzplanen sichern dabei den Bereich rund um die Kirche, damit keine lockeren Steinteile Passanten gefährden können.
Geleitet wird das Sanierungsprojekt von Philipp Ernst vom gleichnamigen Architekturbüro in Zülpich. Die ursprünglich kalkulierten Kosten lagen bei rund 710.000 Euro. Mehr als 80 Prozent davon werden aus Kirchensteuermitteln finanziert. Hinzu kommen 50.000 Euro Fördermittel des staatlichen Denkmalschutzes über die Bezirksregierung Köln. Den verbleibenden Anteil muss die Kirchengemeinde aus Rücklagen und Spenden aufbringen.
Während der Arbeiten kam jedoch eine weitere Herausforderung ans Licht. Bei der Untersuchung des Kirchendachs stellte sich heraus, dass bei einer Sanierung im Jahr 1960 teilweise ungeeignete Nägel zur Befestigung der Schieferplatten verwendet worden waren. Fachleute warnten davor, dass sich in den kommenden Jahren Schieferplatten lösen könnten. Die Konsequenz: Das Dach muss vollständig neu eingedeckt werden. Eine notwendige Entscheidung, die die ohnehin hohe Investition nochmals deutlich steigen lässt.
Und dabei soll es nicht bleiben. Nach Abschluss der Turmsanierung stehen bereits weitere Bauabschnitte auf der Liste. Geplant sind die Renovierung des Kircheninnenraums mit neuem Anstrich, die Erneuerung der gesamten Elektroinstallation nach heutigen Standards sowie eine Generalüberholung der denkmalgeschützten Schorn-Orgel. Langfristig sollen auch die Dächer der Kirchenschiffe neu verschiefert werden.FamilienfestFür die Kirchengemeinde bedeutet das: Der Einsatz vieler Unterstützer bleibt gefragt. Deshalb laden Kirchenvorstand und Ortsausschuss St. Martinus am Sonntag, 4. Oktober, nach dem Erntedank-Gottesdienst zu einem Familienfest rund um die Kirche ein. Zahlreiche Vereine und Ehrenamtliche aus Kierdorf haben bereits ihre Hilfe zugesagt.
„Wir freuen uns sehr über die große Unterstützung aus dem Ort. Viele Vereine und Helferinnen und Helfer ziehen bei diesem Projekt an einem Strang. Das Familienfest soll Menschen zusammenbringen und gleichzeitig dazu beitragen, unsere Kirche für kommende Generationen zu erhalten“, sagt Renate Düsterwald vom Kirchenvorstand St. Martinus.
Der Erlös des Festes fließt vollständig in die Sanierung des historischen Gotteshauses. So verbindet die Veranstaltung Geselligkeit mit einem gemeinsamen Ziel: dafür zu sorgen, dass der „arme Vetter des Kölner Doms“ auch künftig das Herz von Kierdorf bleibt.
Redakteur/in:Ulf-Stefan Dahmen |