Spurensuche nach familiären Wurzeln
US-Rabbinerin zu Besuch in Brühl - Tiefe Verbundenheit empfunden

Spurensuche nach den familiären Wurzeln in Brühl: (v.l) Stadtarchivar Alexander Entius, Rabbinerin Lizzi Heydemann, Bürgermeister Marc Prokop | Foto: Foto Brodüffel
  • Spurensuche nach den familiären Wurzeln in Brühl: (v.l) Stadtarchivar Alexander Entius, Rabbinerin Lizzi Heydemann, Bürgermeister Marc Prokop
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Brühl. Lizzi Heydemann hörte staunend zu, fragte bewegt nach und brach immer wieder in Tränen aus. Die Rabbinerin der liberalen jüdischen Mishkan-Gemeinde in Chicago erlebte im Joseph Fassbender-Saal des Rathauses am Steinweg zwei emotionale Stunden. Vier Wochen zuvor hatte sie auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln in Brühl Kontakt mit dem Stadtarchiv aufgenommen und ihren Besuch angekündigt. Stadtarchivar Alexander Entius und seine Mitarbeiterin Kim Gröner begannen sofort mit einer intensiven Recherche. Bei einem gemeinsamen Treffen mit Bürgermeister Dr. Marc Prokop und Kultur-Fachbereichsleiter Oliver Mühlens konnten Entius und Gröner der Rabbinnerin ihr bis dato unbekannnte Informationen präsentieren. Zu den Brühler Vorfahren der Rabbinierin aus der Metropole am Lake Michigan gehören drei bedeutende Persönlichkeiten. Eine zentrale Rolle spielt ihr Ururur-Großvater David Fröhlich, der als Ratsmitglied den Bau der Synagoge an der Friedrichstraße vorantrieb. Der jüdische Gottesdienst in Brühl fand seit dem 18. Jahrhundert in einem kleinen hinteren Anbau des Hauses Uhlstraße 30 statt. Der Anbau soll aus einem Gebetsraum für Männer und einer Galerie für Frauen bestanden haben. Da das Haus für die 150 Gemeindemitglieder zu klein war, dachte man schon in den 1860er Jahren über den Bau einer eigenen Synagoge nach. David Föhlich zeichnete verantwortlich für den Kauf des Grundstücks an der Friedrichstraße und beauftragte den 22.000 Mark teuren Bau. Die Synagoge in der Friedrichstraße wurde 1884 eingeweiht und bot Platz für alle Gemeindemitglieder. Die Verlegung der Räume für den Gottesdienst aus einem baufälligen Haus im Hinterhof einer Metzgerei auf die bürgerliche Friedrichstraße trug maßgeblich zum gesteigerten Selbstwertgefühl der jüdischen Gemeinde bei und ließ sie meinen, in eine bessere Zukunft zu gehen. „Ein Zwiebelturm mit einem Davidstern ließ sie schon von weitem als jüdisches Gotteshaus erkennbar werden. Die Integration schien geglückt“, schreibt die Historikerin Dr. Barbara Becker-Jákli in ihrem für die Geschichte der Schlossstadt so wichtigen Buch „Juden in Brühl“. Doch 54 Jahre nach der Einweihung, im November 1938, wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten vor den Augen zahlreicher schaulustiger Brühler in Brand gesteckt und vernichtet. Eine weitere Persönlichkeit in Heydemanns Brühler Familiengeschichte war ihr Urur-Großvater. Samuel Levy war Direktor des städtischen Schlachthofs und königlicher Oberstabsveterinär im Ersten Weltkrieg. Ur-Großvater, Alfred Heydemann amtierte als Direktor der Waggon-Leih-Anstalt an der Brühler Straße. Großvater Julius Heydemann wurde 1911 in Brühl geboren und zug mit seinen Eltern 1920 nach Aachen. Die Familie flüchtete vor den Nazis nach Kuba, Neuseeland und den USA. Alfred Heydemann verstarb 1997 in Chicago. 65 Brühler Juden wurden ab 1942 von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Nach dem Treffen im Rathaus besuchte Heydemann die Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge, den jüdischen Friedhof sowie verschiedene Orte, an denen ihre Familie gelebt und gewirkt hat. „Ich habe mir im Vorfeld nicht vorstellen können, die Stadt meiner Vorfahren so intensiv kennenzulernen und ein solches Gefühl der Verbundenheit zu spüren“, resümierte Lizzi Heydemann sichtlich tief bewegt.

Viele Anfragen aus USA

„Der Austausch hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig Erinnerung und die Pflege historischer Wurzeln sind. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt, ist es unsere gemeinsame Verantwortung jüdisches Leben sichtbar zu machen, Geschichte zu bewahren und Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bauen“, betonte Bürgermeister Dr. Marc Prokop. Wie viele andere Archive in Deutschland stellt auch das Archiv der Stadt Brühl seit etwa zwei Jahren einen deutlichen Anstieg von Anfragen aus den USA zu deutschen Abstammungen fest. Hintergund sind oft Anfragen von Nachkommen jüdischer NS-Verfolgter zur Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Kürzlich haben Jüdinnen und Juden auf der in New York ankernden Gorch Fock im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachungseinbürgerung die entsprechende Urkunde angenommen. Wie das Bundesinnenministerium mitteilt sind die Anfragen von Nachkommen NS-Verfolgter aus den USA zur Wiedereinbürgerung in den letzten Jahren deutlich gestiegen. In Brühl sollen seit Längerem wieder Menschen jüdischen Glaubens leben.

Freie/r Redaktionsmitarbeiter/in:

Hans Peter Brodüffel aus Brühl

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