Erdbeben-Übung
Die Katastrophe immer „mitdenken“
- „Das neue Lagezentrum bot für die Übung ideale Voraussetzungen: Kurze Wege, großzügige Räumlichkeiten und modernste Technik unterstützten die Stabsarbeit“, sagte Geschäftsbereichsleiterin Julia Baron der Presse.
- Foto: Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress
Eifel (dru). „Das vermeintlich Undenkbare denken“, schrieb Tom Steinicke in der Kölnischen Rundschau zur jüngsten Katastrophenschutzübung im Kreis Euskirchen. Angenommen wurde ein Erdbeben der Stärke 6,5, das den Nordkreis erschütterte. In Euskirchen, Zülpich, Weilerswist, Bad Münstereifel und Teilen von Mechernich kam es laut Szenario zu massiven Schäden: Strom- und Wasserversorgung fielen aus, Gebäude stürzten ein, das Marien-Hospital in Euskirchen war stark betroffen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) geht davon aus, dass ein solches Beben statistisch nur alle 1.000 bis 10.000 Jahre vorkommt. Die Flutkatastrophe von 2021 hatte denselben statistischen Wert. Historische Beispiele gibt es dennoch: 1951 stürzte in Euskirchen das Gewölbe der Martinskirche ein, das Dürener Beben von 1756 beschädigte Gebäude bis Köln, Aachen und Jülich. Selbst in Brüssel, Gießen und Osnabrück gab es damals Schäden. Das bisher stärkste gemessene Beben der Region ereignete sich 1992 in Roermond (NL) mit der Stärke 5,9 und verursachte 100 Millionen Euro Schaden in NRW.
Vor diesem Hintergrund ließ der Bundestag 2019 eine Risikoanalyse erstellen. Demnach wären bei einem Beben der Stärke 6,5 mit Epizentrum südlich von Erftstadt bis zu 2,4 Millionen Menschen direkt betroffen, weitere 600.000 durch den anschließenden Stromausfall. Das BBK rechnet in seiner Modellrechnung mit bis zu 10.000 Toten, über 10.000 Verletzten und mehr als 100.000 Hilfsbedürftigen.
Mit diesem Szenario setzten sich nun der Krisen- und der Führungsstab des Kreises Euskirchen auseinander. Rund 100 Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, Hilfsorganisationen, Polizei, Bundeswehr und Kreisverwaltung trainierten im neuen Lagezentrum, das direkt an die Leitstelle im Kreishaus angeschlossen ist. „Das neue Lagezentrum bot für die Übung ideale Voraussetzungen: kurze Wege, großzügige Räumlichkeiten und modernste Technik unterstützten die Stabsarbeit“, sagte Geschäftsbereichsleiterin Julia Baron. Kleinere „Kinderkrankheiten“ habe es gegeben, etwa bei der rein digitalen Arbeitsweise: „Das hat gut funktioniert, aber wir haben noch kleinen Verbesserungsbedarf.“
Die Übung zeigte auch personelle Grenzen auf. Kreispressesprecher Wolfgang Andres berichtete, dass im Szenario nur 20 Prozent der Mitarbeitenden des Kreishauses arbeitsfähig gewesen seien – die meisten wären selbst Betroffene gewesen. „Entsprechend viele Einsatzkräfte mussten zusätzlich von außerhalb angefordert werden.“
Geübt wurden Fragen der Logistik: Wie lassen sich Verletzte transportieren, wenn Verkehrswege zerstört sind? Wie funktioniert die Evakuierung und Unterbringung, wie die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung? Nachdem bei der Flutkatastrophe 2021 Funkverbindungen weitestgehend ausgefallen waren, stehen nun das Starlink-System sowie Satellitentelefone zur Verfügung. Bei der jetzigen Übung lief die Kommunikation ausschließlich über diese Wege.
Landrat Markus Ramers zeigte sich beeindruckt vom Engagement aller Beteiligten: „Insbesondere der ehrenamtliche Einsatz der Feuerwehren, der Hilfsorganisationen und des Technischen Hilfswerks im Führungsstab verdient höchste Anerkennung. Gemeinsames Üben schafft Sicherheit.“
Auch die Freiwillige Feuerwehr Mechernich war mit Stadtbrandmeister Jens Peter Schreiber vertreten. Sprecher Alexander Kloster hob hervor, dass die Übung Teil der Fortbildungsreihe „Nachhaltige Stabsarbeit“ des BBK war: „Es mussten logistische Fragen gelöst werden, etwa wie Verletztentransporte organisiert werden können, wenn Verkehrswege unpassierbar sind. Auch Evakuierung, Unterbringung und medizinische Versorgung standen im Fokus.“ Aus der Feuerwehr Mechernich waren mehrere Führungskräfte beteiligt, darunter Frank Eichen, Gerd Geller, Oliver Geschwind, Jens Schreiber und Michael Züll.
Ein weiteres zentrales Element des Bevölkerungsschutzes sind die „Notfallmeldestellen“. 174 gibt es davon im Kreis, meist in Feuerwehrgerätehäusern, erkennbar an der orangefarbenen Plakette mit blauem Dreieck. „Die Stellen sollen alle eine Funkverbindung haben“, erläuterte Wolfgang Fuchs, Leiter der Stabsstelle Brand- und Katastrophenschutz in Schleiden. Sie dienen als Anlaufstelle, wenn Telefon und Internet ausfallen, da sie über Notstromaggregate verfügen. In kleineren Orten könnten auch Feuerwehr- oder THW-Fahrzeuge diese Aufgabe übernehmen.
Daneben sollen sogenannte „Leuchttürme“ die Bevölkerung im Katastrophenfall versorgen und für einige Tage unterbringen. In Weilerswist ist es die Erft-Swist-Halle, in Euskirchen die Jahnhalle, in Palmersheim das Dorfgemeinschaftshaus.
Martin Fehrmann, Leiter der Gefahrenabwehr des Kreises, verwies auf die Notwendigkeit privater Vorsorge: „Wir müssen die Menschen im Allgemeinen für Krisen sensibilisieren. Unterm Strich ist es egal, warum der Strom länger nicht da ist. Wichtig ist, dass man vorbereitet ist und Essensvorräte, Trinkwasser und beispielsweise Kerzen im Haus hat.“
Das BBK empfiehlt, einen „Notfallrucksack“ bereitzuhalten – mit Kleidung im Zwiebelprinzip, Medikamenten, Erste-Hilfe-Material, batteriebetriebenem Radio, Taschenlampe, Hygieneartikeln, Schlafsack oder Decke sowie Verpflegung für zwei Tage. Für Kinder rät es zu einer SOS-Kapsel mit Namen und Kontaktdaten.
Erdbeben treten in der Region immer wieder auf. „Im Untergrund finden Bewegungen an Störungsflächen, sogenannten Verwerfungen, statt“, erklärt der Geologische Dienst NRW. „Erfolgt diese Bewegung ruckartig, ist sie als Erdbeben wahrnehmbar.“ Besonders die Köln-Bonner Bucht gilt als gefährdetes Gebiet. Mehrmals pro Woche gibt es dort leichte Beben, die meist nicht spürbar sind.
Redakteur/in:Ulf-Stefan Dahmen |