Von "Vatikan-Mafia" bis Chancen
Unser Interview-Sextett redet Klartext

Unser Interview-Sextett: Wir haben allen Sechs die gleichen Fragen gestellt - zur aktuellen Situation in der katholischen Kirche und im Erzbistum Köln.
  • Unser Interview-Sextett: Wir haben allen Sechs die gleichen Fragen gestellt - zur aktuellen Situation in der katholischen Kirche und im Erzbistum Köln.
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Die katholische Kirche hätte – explizit auch im Erzbistum Köln – in der Fastenzeit Grund genug, sich zu besinnen, Buße zu tun, „umzukehren“ und „veraltete“ Strukturen aufzubrechen. So denken unzählige Gläubige.

Vor allem der sexuelle Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche und die Art und Weise der Aufarbeitung, die jüngst sogar ein moralisches Zwielicht auf den emeritierten Papst Benedikt warf, hat in den vergangenen Monaten dafür gesorgt, dass sich Zigtausende von „ihrer“ Kirche abgewendet haben. Die Zahl der Kirchenaustritte erreicht stetig neue Rekord­höhen. Das gilt auch für das Erzbistum Köln, an dessen Spitze mit Kardinal Rainer Maria Woelki ein umstrittener Erzbischof „auf Abruf“ steht. Über dessen Rücktrittsangebot wird Papst Franziskus noch entscheiden. Initiativen wie Maria 2.0 und die aktuelle Weltsynode unter dem Motto „Sag´s dem Papst“ streben Weichenstellungen für die Zukunft und teils massive Veränderungen an: die Rolle der Frauen in der Kirche, das Zölibat und natürlich die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche sind kontrovers diskutierte Themen.

Sechs Stimmen von der kirchlichen Basis 

Wir haben drei Frauen und drei Geistlichen aus dem Erzbistum unabhängig voneinander die gleichen Fragen zu „ihrer“ Kirche gestellt – mit der Bitte um Antworten in möglichst wenigen Sätzen: Gemeindereferentin und Maria 2.0-Mitstreiterin Marianne Arndt, Petra Uertz und Jutta Oehmen, SkF-Rat Vorsitzende und Vorständin des Sozialdienst katholischer Frauen e.V. (SkF) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis, dem aus dem Karneval als „Bergische Jung“ bekannten Diakon Willibert Pauels, dem HöVi-Land-Ferienfreizeit-Initiator und „kölschen Franziskus“ Franz Meurer sowie dem Autoren von über 100 geistlichen Büchern Willi Hoffsümmer:

Beim Blick auf „Ihre“ Kirche und die jüngsten Geschehnisse, was empfinden Sie?

Jutta Oehmen:

„Ich empfinde eine Ambivalenz: Resignation oder Aufbruch, je nach Tagesform. Resignation beispielsweise beim Thema Prävention. Da hat die Amtskirche eigentlich ein gutes Konzept, tut sich aber schwer mit der konkreten Umsetzung. Auf der anderen Seite spüre ich Aufbruch, weil im Moment auch Themen deutlich auf den Tisch kommen, zum Beispiel das Arbeitsrecht in der Kirche oder der Stellenwert der Frauen.“

Willibert Pauels:

„Auf der einen Seite tiefe Todtraurigkeit (Pause) - auf der anderen Seite immer noch große Verbundenheit mit der Kirche; denn ihr allein verdanke ich die Nachricht, die mich durchs Leben trägt: die österliche Botschaft. Ohne die Kirche wäre diese schon längst im Abgrund der Geschichte versunken.“

Marianne Arndt:

„Traurigkeit – Betroffenheit - Wut - Ärger - Enttäuschung - und Energie, nicht schweigend weiter zuzusehen. Zum Beispiel im Hinblick auf das Unverständnis der Verantwortlichen in der Kirche, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen oder dem Festhalten an längst veralteten Strukturen. Die Basis wird allein gelassen. Und deshalb eben Energie, aufzustehen und einzustehen für eine glaubhafte Kirche.“

Franz Meurer:

„Ich empfinde, dass wir zur Zeit eine Krise haben. Aber die Kirche ist ja nach wie vor ein Werkzeug. Von daher mach ich mir um die Kirche keine Sorgen.“

Petra Uertz:

„Es ist sehr anstrengend, sehr schade - aktuell einfach alles so schwierig, weil die Kommunikation von Grund auf gestört ist. Wir hatten zum Beispiel seitens des SkF auf Diözesanebene den Kardinal angeschrieben. Das war noch vor seiner Auszeit. Ohne Antwort. Mal sehen, wie es jetzt weitergeht, das bleibt abzuwarten.“

Willi Hoffsümmer:

„Es ist schlimm! Aber viele pauschalisieren auch und kehren uns den Rücken zu. Die Zahl der Austritte ist da ja eindeutig. Aber es sind ja nicht alle so. Dennoch ist klar: Die Kirche muss sich ändern, sonst hat sie der heutigen Zeit nichts mehr zu sagen!“

Kann die katholische Kirche ihrer Aufgabe als moralische Instanz noch glaubhaft gerecht werden?


Jutta Oehmen:

„In Bezug auf den sexuellen Missbrauch hat sie als moralische Instanz komplett verloren. Sie muss jetzt liefern, um noch einmal eine Glaubwürdigkeit aufzubauen. Da muss sie sich an der Lehre Jesu messen, um wieder eine moralische Instanz sein zu können - das wird dauern. Andererseits sehe ich aktuell die Flüchtlingsproblematik und das, was Kirche, Priester und die Menschen vor Ort leisten. Da ist Kirche moralische Instanz, hilft vielfältig und heißt die Not leidenden Menschen willkommen.“

Willibert Pauels:

„Wenn sie weiterhin von einem völlig überhöhten, über-idealisierten Selbstbild aus spricht: Nein! Wenn es ihr aber gelingt, zu verkünden, dass alle Moral nur einem einzigen Ziel zu dienen hat -nämlich der universalen LIEBE - dann: Ja!“

Marianne Arndt:

„Nein! (Pause) Nein, weil wir seit mindestens zehn Jahren um die dramatische Situation in der katholischen Kirche wissen und weiter lügen und schweigen. Deswegen ist die Kirche aktuell keine moralische Instanz mehr, weil sie einfach so nicht mehr glaubhaft ist.“

Franz Meurer:

„Die Kirche hat nie die Aufgabe gehabt, eine moralische Instanz zu sein. Die Kirche ist dafür da, die Menschen zu Gott zu führen. Die Kirche muss mit der Zeit gehen. Das tut sie auch, wenn auch etwas langsam.“

Petra Uertz:

„Die Kirche hat schwere Verfehlungen begangen, durch das Decken und Versetzen von Beschuldigten. Das Handeln war Kleriker-bezogen, nicht bezogen auf die Tat und auch nicht auf das Opfer. Die Amtskirche kennt keine sexuelle Selbstbestimmung, sondern nur das sechste Gebot und den Verstoß gegen die zölibatäre Lebensform. Wenn man da nicht die richtigen Worte findet, so wie es leider bei Kardinal Woelki war, wird es ganz schwer. Insgesamt ist die Kirche nicht in der modernen Welt angekommen. Als „moralische Instanz“ wird die Kirche so nicht ernst genommen, wobei sie mit der Ethik Jesu als Orientierung etwas zu bieten hat - aber nur mit ehrlichem Ringen, nicht nach Geboten, sondern nach Situationen. Das ist Arbeit."

Willi Hoffsümmer:

„Die Kirche wird ja deshalb so stark kritisiert, weil sie stets den Finger moralisch so hoch nimmt. Wir sehen aber heute ja auch, dass sich Standpunkte einstellen, die wir schon als Mensch nicht mehr vertreten können. Nehmen Sie das Beispiel, Menschen beim Suizid zu helfen. Da wird das Selbstbestimmungsrecht angeführt, sein Leben beenden zu dürfen. Das wird insgesamt kontrovers diskutiert, als Christ ist es nicht gutzuheißen.“

Was fällt Ihnen spontan zu folgenden Stichpunkten ein:

  • Papst Franziskus

Jutta Oehmen:

„Aufbruch und Zögern – und Gefangen sein im System.“

Willibert Pauels:

„Große Hoffnung, leider zu wankelmütig!“

Marianne Arndt:

„Müsste mutiger Entscheidungen treffen, um die katholische Kirche auf neue Wege zu führen. Seine Macht nutzen, um Macht zu teilen.“

Franz Meurer:

„Sehr gute Ideen, wenig Macht, sie umzusetzen!“

Petra Uertz:

„Bemüht sich. Hat die Diskussionskultur erheblich verbessert. Rudert nach vorne - und wieder zurück. Darf gerne noch mehr nach vorne rudern.“

Willi Hoffsümmer:

„Den liebe ich! Es ist nur schade, dass er sich in Rom nicht mehr so durchsetzen kann!“

  • Kardinal Rainer Maria Woelki

Jutta Oehmen:

„Verbrannte Erde. Ich sehe wenig Möglichkeiten, noch mal zusammen zu kommen - ohne eine Schuld von ihm zu bewerten. Er hat ja seinen Rücktritt angeboten, man wird sehen…“

Willibert Pauels:

„1. Ärme Deuvel! 2. Aus meinem Herzen der Rat, nicht als Schuldeingeständnis, sondern aus Liebe zurücktreten!“

Marianne Arndt:

„Er müsste Verantwortung übernehmen und seinen Bischofssitz freigeben, um neue Chancen möglich zu machen.“

Franz Meurer:

„Ehrliche Haut, tragische Entwicklung!“

Petra Uertz:

„Unwahrscheinlich, dass sich jemand grundlegend ändert. Eine 180 Grad-Wende zu schaffen, die man ihm auch abnehmen kann. Das ist für ihn und alle drum herum eine sehr mühsame Situation."

Willi Hoffsümmer:

„Das sehe ich wie der Luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich: ‚Wenn es mir so erginge, dass eine große Mehrheit gegen mich wäre, würde ich meinen Rücktritt einreichen. Man muss in der Kirche, ja nicht ganz oben stehen, um Jesus zu dienen.‘“

„Vatikan-Mafia“ und „Arroganz der Kirche“

  • Weltsynode

Jutta Oehmen:

„Ich würde mir wünschen, dass es Platz für die Besonderheiten in Deutschland geben würde, beispielsweise hinsichtlich der Frauenfrage und weiterer grundlegender Themen."

Willibert Pauels:

„Wenn sie sich aus den Klauen der ‚Vatikan-Mafia‘ befreit, sehr große Hoffnung!“

Marianne Arndt:

„Das ganze Konstrukt muss sich unbedingt verändern. Frauen und Männer müssen gleichberechtigt teilhaben. Eine bischöfliche Synode bringt uns dabei nicht weiter. Unter diesem Deckmantel wird sich nichts Neues bewegen.“

Franz Meurer:

„Hoffnungsschimmer!“

Petra Uertz:

„Schwierig - vor allem abzuschätzen, inwieweit sich der synodale Weg Deutschlands einbringen kann. Sehr, sehr viel Aufwand, die Ergebnisse waren leider meist nicht so glücklich. Der Ansatz ist gut gemeint, aber ich bin nicht so zuversichtlich.“

Willi Hoffsümmer:

„Ich habe wenig Hoffnung! Wir beschließen ‚unten‘ etwas, die lehnen es ‚oben‘ ab. Schauen Sie sich die Würzburger Synode vor 50 Jahren an: Da gab es schon den Beschluss, die Frauen mehr mit einzubinden. Bis heute ist diese Eingabe nicht beantwortet - diese Arroganz der Kirche!“

  • Maria 2.0

Jutta Oehmen:

„Die Frauen nehmen wichtige Themen auf, das ist eine Aufbruch-Bewegung. Und sie nehmen sich die Freiheit, dass so zu machen. Manchmal muss man provozieren, um nachher etwas zu erreichen – meine mentale Unterstützung haben sie.“

Willibert Pauels:

„Große Sympathie, sie sollten aber aufpassen, dass sie nicht medial - mit den immer gleichen Leuten – ‚überdrehen‘. Das wirkt ermüdend - und damit kontraproduktiv.“

Marianne Arndt:

„Eine positive Grabwurzel-Bewegung. Sie muss aber gut aufpassen, dass sie sich die Lebendigkeit erhält. Sie soll weiter für Frauenrechte weltweit in der Kirche einstehen.“

Franz Meurer:

„Power“

Petra Uertz:

„Eine wichtige Bewegung, die etwas aufgemischt und in die Öffentlichkeit gebracht hat. Persönlich bin ich nicht dabei, das ist eine Stil-Frage, aber die Ausrichtung ist gut."

Willi Hoffsümmer:

„Ich finde es wichtig, dass sie am System kratzen. Man muss etwas übertreiben, um gehört zu werden.“

  • Zölibat

Jutta Oehmen:

„Ich würde mir diese Öffnung wünschen, dass Priester darüber selbst entscheiden können.“

Willibert Pauels:

„Nur, wenn es wirklich freiwillig ist, ein Segen!“

Marianne Arndt:

„Bedarf einer unbedingten Aufhebung. Priestern muss es freigestellt sein, welche Lebensform sie in unserer Kirche führen. So, wie es jetzt ist, ist es seit langen Jahrzehnten nicht mehr glaubwürdig - und vielleicht sogar nie richtig glaubhaft gewesen."

Franz Meurer:

„Eine große Chance, aber nicht als Pflicht!“

Petra Uertz:

„Ich würde es freistellen. Wer den Zölibat wählen möchte, soll es tun und ihm ist die Kraft zu wünschen, das zu leben. Ansonsten sollte man sagen, so wie es in anderen Kirchen ja auch möglich ist, Priester dürfen heiraten."

Willi Hoffsümmer:

„Eine Abschaffung wird man gegen Rom nie durchkriegen. Ich habe das für mich akzeptiert. Wenn ich selbst eine Familie mit zwei, drei Kindern gehabt hätte, wäre ich ein Stück weit zerrissen gewesen, weil ich so viel Zeit der Pfarrei gewidmet habe.“

Was wünschen Sie sich für „Ihre“ Kirche und die Gläubigen?

Jutta Oehmen:

„Ich wünsche mir eine demokratischere Kirche. Und dass die Kirche sich als ‚Angebotskirche‘ versteht, nicht als ‚Verbotskirche‘. Die Kirche hat nämlich richtig viel anzubieten. Und ich wünsche mir, dass Frauen einen richtigen, gleichwertigen Platz haben, und dass die Menschen, die sich engagieren, dort auch zu Hause fühlen."

Willibert Pauels:

„Ich wünsche mir innerliche Souveränität und österliche Freiheit. Für mich gibt es zwei Glutkerne des christlichen Glaubens: die Caritas und die Botschaft, dass wirklich niemand verloren geht, niemals! Die Dunkelheit hat, so fürchterlich sie sein mag, nie das letzte Wort, sondern das österliche Licht, das sogar den Tod bezwingt. Vereinfacht kann man vielleicht sagen: Die Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit!“

Marianne Arndt:

„Ich wünsche mir eine glaubwürdige, wahrhaftige und an den Menschen orientierte Kirche, in der sich Frauen und Männer gleichberechtigt nach ihren Kompetenzen einbringen können. Ich wünsche mir eine ohnmächtigere und lebendigere Kirche: ohnmächtiger im Sinne von ohne Macht und lebendiger im Sinne von Energie freisetzen, etwas zu bewegen und zu verändern. Gerade in der jetzigen Zeit ist das wichtiger, denn je. Und mein Wunsch speziell für das Erzbistum Köln: Es reicht nicht, wenn nur der Kardinal geht. Die Machtstruktur müsste ganz neu dekliniert werden. Die Mauern der Feudalmacht haben zwar Risse bekommen oder Löcher, die Mauern sind aber noch nicht eingestürzt. Erst, wenn das passiert ist, können wir Teile der Mauern nutzen, um sie zu prüfen und Neues aufzubauen.“

Franz Meurer:

„Dass sich die Menschen in den Gemeinden nicht von schlechten Entwicklungen in den Institutionen anstecken lassen!“

Petra Uertz:

„Ich wünsche mir ein Mehr an Miteinander. Dass Hierarchie weniger eine Rolle spielt und auf Augenhöhe diskutiert und entschieden wird. Dass keine Selbstläufer entstehen, nur weil ein geweihtes Oberhaupt eine komplette Richtung vorgibt. Ein Negativ-Beispiel ist die Kölner Hochschule für Theologie, die in Konkurrenz zur theologischen Fakultät der Bonner Universität für viel Geld hochgezogen wird. Die Kirche ist in verschiedenen Aufgaben aktiv, der soziale Bereich, zu dem wir als SkF zählen, gehört genauso dazu wie der liturgische."

Willi Hoffsümmer:

„Ich denke, die Kirche geht nicht unter. Die Orientierung in der Kirche bleibt für die Gläubigen bestehen. Grundsätzlich stehe ich zur Kirche und arbeite gerne in der Kirche. Aber: Es muss sich einiges ändern. Manche in der Kirche haben keine Ahnung von Demokratie! Was nicht heißen soll, dass alles richtig ist, was mehr als 50 Prozent fordern.“

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Redakteur:

Düster Volker aus Erftstadt

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