Ukrainische Kriegsvertriebene an der Saaler Mühle
„Ganz normale Leute“

Dolmetscher Paul Kruk hat immer ein offenes Ohr
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  • Foto: ASB Bergisch Land e.V.
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Der Ukrainer Paul Kruk arbeitet freiwillig als Dolmetscher in der ASB-Erstaufnahme-Einrichtung in Bergisch Gladbach. Der 64-jährige Pianist hat ein offenes Ohr für die Fragen, Nöte und Ängste der Kriegsvertriebenen – und stößt dabei oft selbst an mentale Grenzen.

Herr Kruk, wie sind Sie an diese Aufgabe gekommen?
Als ich vor einigen Wochen davon hörte, dass die ersten Kriegsvertriebenen aus meiner alten Heimat in der Stadt angekommen sind, habe ich nicht lange überlegt und mich bei der Stadt Bergisch Gladbach gemeldet. Dann ging alles ganz schnell und ich wurde gleich hier zur Unterkunft an der Saaler Mühle zugewiesen. Seitdem dolmetsche ich hier jeden Tag vormittags vor meiner eigentlichen Arbeit als Klavierlehrer.

Was treibt Sie an, dieses Ehrenamt neben Ihrem Hauptberuf auszuüben?
Ich bin selbst gebürtiger Ukrainer und stamme aus der Stadt Cherson. Dort wird gerade heftig gekämpft. Darum stecke ich emotional tief drin in dem Thema, weil es meine Heimat betrifft und ich um viele Menschen bange, die noch dort sind. Ich spreche selbst Russisch und Ukrainisch, sodass ich mich hier von Anfang an gut in das ASB-Team einbringen konnte.

Wie haben Sie den Kriegsausbruch erlebt?
Ich war schockiert. Früher haben die Unterschiede, die man heute zwischen Ukrainern und Russen konstruiert, niemanden interessiert. Selbst einen Tag vor Beginn der Invasion hätte so etwas keiner für möglich gehalten. Russen und Ukrainer stehen sich sehr nah, es gibt viele familiäre Bindungen. Sie sehen gleich aus und sprechen fast gleich. Das macht das alles so unwirklich und sinnlos.

Wo ist man in der Ukraine noch sicher?
Viele Binnenflüchtlinge halten sich entlang der Westgrenzen zu den NATO-Staaten auf. Die russische Armee hat panische Angst davor, die NATO-Grenze durch einen versehentlichen Beschuss zu verletzen und damit ein Eingreifen auszulösen. Die Russen wissen, dass dieser Gegner überlegen ist und haben großen Respekt vor seiner Stärke. Sie sind zwar überzeugt davon, dass sie einen Staat wie die Ukraine besiegen können, sie sind aber keine Hasardeure. Darauf vertrauen viele, obwohl man nie ganz sicher sein kann.

Wie erleben Sie die Menschen, die hier ankommen?
Alle hier sind ganz normale Leute, die nicht wissen, was sie falsch gemacht haben, dass das Schicksal sie so quält. Bis vor gut einem Monat sind sie zur Schule gegangen, zur Universität, haben gute Jobs gehabt, Häuser, Autos, Gärten; Urlaub, so wie die Menschen hier auch. Und jetzt hängen sie hier in Containern herum und wissen nicht, wie es weitergeht. Sehen Sie, ich bin Musikpädagoge, kein Pfarrer oder Psychologe. Diese schwersttraumatisierten Menschen erzählen mir trotzdem alles, was sie Schreckliches erlebt haben – ohne Zögern und ohne Scham. Ich hätte schon nach wenigen Tagen ein Buch schreiben können.

Was macht das mit Ihnen?
Ich habe ein paar Tage gebraucht, um mir eine innere Wand aufzubauen, Distanz zu schaffen. Anders geht es nicht. Ich wache jede Nacht auf und kann nicht mehr einschlafen, weil mir die Geschichten der Leute nicht aus dem Kopf gehen. Neulich kam eine Frau zu mir, die mitten aus ihrer Chemotherapie herausgerissen wurde. Sie sitzt mir mit ihrer Krebserkrankung gegenüber und fragt: „Paul, was wird nur aus mir? Ich kann mit meinem schwachen Immunsystem nicht in einer Massenunterkunft bleiben.“ In solchen Momenten fühlt man eine unbeschreibliche Ohnmacht. Und dann war da noch die Dame um die 50, eine wohlsituierte Lehrerin aus Charkow. Sie sprach mich an: „Paul ich brauche Deine Hilfe. Ich musste schnell wegrennen, als die Sirene losging und mein Haus getroffen wurde. Ich konnte nur meine Winterstiefel mitnehmen, die ich hier trage. Kannst Du bitte fragen, ob es für mich irgendwo leichtere Schuhe gibt?“ Das Bild dieser Winterstiefel geht mir nicht aus dem Kopf. Das ist für mich persönlich ein Symbol dieses Krieges, dass er Millionen Menschen auch zu Bittstellern in einem fremden Land macht.

Sie sind kein Psychotherapeut, aber Musiker. Kann man mit Musik etwas gegen diesen Wahnsinn unternehmen?
Oh ja, das kann man. Ich habe als Pianist bereits ein Benefizkonzert für die Menschen in der Ukraine gegeben und plane, noch weitere zu organisieren. Die Erlöse und Spenden gehen komplett an die Vertriebenen, damit sie hier Fuß fassen und mit dem Nötigsten versorgt werden können.

Zur Info:
Der Arbeiter-Samariter-Bund sucht weiterhin dringend hauptamtliche und ehrenamtliche Unterstützung für seine Erstaufnahme-Einrichtung an der Saaler Mühle.
Infos unter https://www.asb-bergisch-land.de/karriere/jobboerse/stellenanzeige/mitarbeiter-fuer-soziale-betreuung-und-sanitaetsdienst.

Auch Geldspenden sind nach wie vor willkommen:
ASB Bergisch Land e.V
Bank für Sozialwirtschaft Köln
IBAN DE80 3702 0500 0007 2702 00
BIC BFSWDE33

Leserreporter:

Marco Wehr aus Bergisch Gladbach

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