Keine Romantik? Nicht in Mexiko.
Romantik zwischen Rheinland und Mexiko
- Die Gruppe "Los Frayles" in Aktion. Zwei Gitarren, ein Requinto (Quintgitarre) und Maracas für den Rhythmus. Seit fast 50 Jahren unterwegs.
- hochgeladen von Dieter Weidenbrück
Nun gibt es ja eine Vielzahl von Liedern im Kölner Raum, in denen große Gefühle in bester Weise besungen werden. Allerdings geht es da meist um die Stadt, den Rhein, oder aber natürlich den 1. FC Köln. Die Liebe kommt leider sehr zu kurz. Die Domstürmer bringen es auf den Punkt: „Du bist meine Liebe – meine Stadt und mein Verein…Ich bleib Dir ewig treu, ich lass Dich nie allein“. Ein wunderschönes Lied, aber gibt es keine Frau in Deinem Leben? Selbst die Urväter der kölschen Musik, die Bläck Fööss, haben nicht mehr anzubieten als „Traudsche rötsch jet nöher zo mir, denn d'r Remmel d'r Remmel es op d'r Dür“. Und das ist nicht wirklich romantisch, eher eindeutig. Am besten drückt die Gruppe Lupo aus, was Sache ist: „Op kölsch jitt et för alles e Wood - nur för die Liebe nit“.
Da sieht es in Mexiko doch ganz anders aus. Romantische Musik spielt eine große Rolle, wenn man eine Mexikanerin erobern will. Im Prinzip ist es ganz einfach: man isst zusammen Tacos, dann kommt die passende Musik ins Spiel, und am nächsten Tag wird man der Abuela (Großmutter) vorgestellt und ist quasi verlobt!
Mexiko ist das Land der Straßenmusiker, die auf ein Repertoire von mehreren Tausend Liedern zurückgreifen können. Zum einen gibt es die Mariachis mit ihren schmachtenden Trompeten, zum anderen aber Trios mit Gitarren in verschiedenen Ausführungen, Akkordeon, Kontrabass und anderen Instrumenten, je nach Landes-teil. Es sind gerade die romantischen Lieder, auf die es bei der Eroberung ankommt, hier ein Beispiel:
Ohne dich
Werde ich niemals leben können
oder daran denken, dass du
nie wieder an meiner Seite sein würdest
…
Ohne dich
ist es sinnlos zu leben
so wie es sinnlos wäre
dich vergessen zu wollen
(Sin ti, Los Panchos)
Der typische Rheinländer schüttelt sich wohl angesichts solcher Verse, aber im Spanischen hört es sich so bezaubernd an, wie es gemeint ist. Stellt man sich jetzt noch ein Abendessen am Strand abseits des Massentourismus vor, dann kommt die Romantik von allein. Vor allem dann, wenn die Musiker am Tisch nur für die Angebetete singen. Nur muss man genau diese Angebetete erst einmal zu einem Abendessen bringen. Und da gibt es in Mexiko eine ganz besondere Einrichtung: die Serenata.
Eine Serenata oder Serenade bringt der verliebte Mann der Frau dar, die er erobern will, sofern das nicht schon geschehen ist. Dabei heuert er eine Musikgruppe an, die man an bestimmten Stellen antreffen kann. Man trifft sich dann so um 2 oder 3 Uhr morgens in der Straße, wo die Angebetete wohnt. Und dann wird eben die Liebe durch Musik zum Ausdruck gebracht. Die Betroffene wird sich dann am Fenster zeigen. Oder auch nicht.
Man sieht schon, das würde in Deutschland auf wenig Gegenliebe stoßen. Ein Ständchen in den frühen Morgenstunden, dargebracht von einem Männergesangsverein oder auch einer der bekannten kölschen Gruppen würde in einem Aufruhr der gesamten Nachbarschaft enden, zumal das passende Liedgut fehlt. In Mexiko regt sich niemand darüber auf, im Gegenteil. Jeder freut sich und genießt, auch wenn er oder sie morgens zur Arbeit muss. Es kann auch vorkommen, dass ein völlig unbeteiligter Ehegatte sich im Bett zu seiner Frau umdreht und sagt „Siehst Du, mi amor, dass ist die Serenata, die ich Dir vor 20 Jahren versprochen habe!“ Dann dreht er sich wieder zurück und schnarcht weiter.
Natürlich gibt es wunderschöne Lieder für Mariachi, zum Beispiel „Amorcito corazon“ (Liebling, mein Schatz). Aber so eine Mariachi-Truppe taugt nicht zum dezenten Anschleichen in der Nacht. In der Regel kommt sie auf einem Pickup (jeder hält sich fest, so gut er kann, schließlich sind wir nicht in Deutschland) und hält an der Straßenecke an. Um zwei oder drei Uhr morgens kann man von einem gewissen Tequila-Anteil im Blut der Musiker ausgehen. Man steigt also ab, und dann werden zunächst die Instrumente gestimmt. Nachdem auch die Trompeten bereit sind, weiß bereits das gesamte Viertel, dass da was im Gang ist. Natürlich hat die Angebetete nichts mitbekommen, das ginge ja überhaupt nicht. Aber wenn Mariachi einmal anfangen zu spielen, bleibt kein Auge trocken. Viel besser geeignet sind daher die Trios, die weniger Lärm verursachen.
Mit der vielfältigen Musik, der Kultur der Straßenmusik, und auch mit der mexikanischen Romantik wurde ich erstmals in 1982 konfrontiert. Meine Frau ist in Mexiko geboren und aufgewachsen. Zwei Jahre war ich mit ihr bereits zusammen, da wurde es Zeit, dass ich Mexiko kennenlernte. Aus Sicht eines Wesselingers, für den Köln und Bonn schon ein ganzes Stück weit weg waren, ein riesiger Schritt. Ich dachte nur „jetz maach bloß nix verkehrt!“, aber dann ging es doch ganz gut.
Und so schaffte ich es auch, meiner damals wie heute Angebeteten eine Serenata zu schenken, und zwar in der Stadt Guanajuato im kolonialen Zentrum von Mexiko. In einem unbeobachteten Moment kratzte ich meine Spanischkenntnisse zusammen und einigte mich mit einem Trio auf eine Serenata. Am späten Nachmittag erschienen sie dann in einem Innenhof des Hotels und begannen, vor unserem Fenster zu singen. Meine erheblich bessere Hälfte war sehr überrascht, und wir genossen eine Stunde mit schönster romantischer Musik. Bis heute bin ich überzeugt davon, dass nur diese Serenata unmittelbar dazu geführt hat, dass wir zwei Jahre später geheiratet haben – standesamtlich in Köln, kirchlich in Mexiko-City.
Wir trafen dieses Trio, das sich „Los Frayles“ nannte, noch mehrfach bis Anfang der neunziger Jahre im gleichen Ort. Bis heute erinnern wir uns aber an diese Serenata, womit einmal mehr die Bedeutung der Musik in der Liebe bewiesen ist.
In diesem Jahr, 2026, reisten wir zum ersten Mal seit damals wieder nach Guanajuato, 44 Jahre nach unserer Serenata. Natürlich dachte ich gleich an die damaligen Ereignisse, und aus Neugierde suchte ich online nach dem Trio, natürlich mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Aber weit gefehlt: das Trio existiert immer noch, natürlich nicht mehr in der damaligen Besetzung. Ich bekam Kontakt mit einem der Musiker und er bestätigte mir, dass es sich genau um „unser“ Trio handelte. Damals hatten wir Schallplatten des Trios mitgenommen, auf denen die Musiker Grüße für uns aufgeschrieben hatten. Jetzt stellte sich heraus, dass sogar noch einer der Musiker, die 1982 unterschrieben hatten, noch aktiv dabei war. Mittlerweile 78 Jahre alt, immer noch bei sehr guter Stimme (der Mexikaner ist der geborene Tenor) und voller Enthusiasmus über seine Musik.
Und so gelang es mir nach 44 Jahren doch noch einmal, meine Frau zu überraschen: sie bekam ihre zweite Serenata, gesungen von dem Trio, dessen Musik uns immer begleitet hat, und sogar gesungen von Adolfo Melendez, der damals bei der ersten Serenata mitgesungen hat. Übrigens auf den Tag genau 46 Jahre, nachdem ich meine Frau kennengelernt habe. Möglicherweise habe ich mit der zweiten Serenata unsere Ehe für die nächsten Jahrzehnte gesichert.
Auch für die Musiker war es ein einzigartiges Erlebnis. Sie bestätigten immer wieder, dass es noch nie vorgekommen wäre, dass nach so langer Zeit jemand nach einer speziellen Gruppe gesucht hätte. So hatten beide Seiten ein außergewöhnliches Erlebnis, das auch im Video festgehalten wurde.
Wer die Gelegenheit zum Zuhören bekommt, sollte sie nutzen. Dem Klang der mexikanischen Gitarren und der Boleros kann sich kaum jemand entziehen, wenn er oder vor allem sie auch nur eine kleine romantische Ader hat. Vielleicht findet sich auch ein Lied, dass man über lange Zeit mit der eigenen Liebe verbindet, zum Beispiel dieses hier:
So lange haben wir diese Liebe genossen;
Unsere Seelen sind sich so sehr genähert;
Dass ich dein Aroma in mir bewahre;
Aber auch du trägst mein Aroma in dir
…
Es werden mehr als tausend Jahre vergehen und noch mehr
ich weiß nicht, ob es in der Ewigkeit Liebe gibt.
Aber dort, genau wie hier
wirst du mein Aroma mit Dir tragen
(Sabor a mí, Álvaro Carrillo)
Das passt nicht so recht ins kölsche Brauhaus, und nicht ein Mal kommt der Dom oder der 1. FC Köln zur Sprache. Aber es passt dahin, wo die Romantik noch nicht in Vergessenheit geraten ist. Und das ist in mindestens einem Haus in Wesseling der Fall.
Natürlich habe ich gleich die nächste Serenata mit „Los Frayles“ vereinbart. Spätestens in 44 Jahren.
Ein lokaler Sender veröffentlichte ein kurzes Video: Link (spanisch)
Im Gespräch mit Adolfo Melendez: Link (spanisch)
Passend zu diesem Thema empfehle ich den Film „Buena Vista Social Club“, der sehr einfühlsam zu dieser Art von Musik hinführt.
©Dieter Weidenbrück, 2026, Bildnachweis: Alle Fotos D. Weidenbrück, dieter@weidenbrueck.eu
LeserReporter/in:Dieter Weidenbrück aus Wesseling |
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