Gehfußball
„Hier wird nicht gerannt!“
- Die oberste Regel einzuhalten fällt nicht allen leicht. Erfahrungsgemäß tun sich ehemalige Kicker besonders schwer damit, nicht automatisch loszulaufen.
- Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Zwei Minuten nach dem Anpfiff ist die Sache für Heinz Schöbinger geritzt: „Nächste Woche mache ich da auch mit!“ Von seinem Platz neben der Bande hat der 83-Jährige den Mechernicher Kunstrasenplatz hinterm Schulzentrum bestens im Blick. Vor dem Aufwärmen sei er noch kritisch gewesen, räumt der sportive Rentner aus Strempt ein. „Gehfußball?“, habe er gedacht. „Wat sull dat sin?“
Mechernich (red). Wie Heinz Schöbinger ging es wohl einigen in Mechernich. Wie gut, dass sich Rolf Habermann von derlei Kommentaren nicht hat irritieren lassen. Der zweite TUS-Platzwart hatte die weitestgehend unbekannte Reha-Sportart namens „Walkig Football“ (übersetzt: Gehfußball) rein zufällig entdeckt. – Ein alter Freund hatte ihm von seinem neuen Hobby berichtet. „Damals habe ich meinen Kumpel noch veräppelt ... So ein Quatsch, habe ich gedacht, und ihn ausgelacht. Aber dann habe ich mir das ganze mal persönlich angesehen. Und war sofort Feuer und Flamme!“
Rolf Habermann ist Diabetiker, und „ein bisschen Rücken“ hat er auch – wie so viele in seinem Alter. Schon länger habe er daher nach einem Hobby gesucht, das man auch mit einer leichten gesundheitlichen Beeinträchtigungen ausüben kann. „Am besten an der frischen Luft und gemeinsam mit anderen.“ Wie beim Gehfußball: Die Sportart, bei der immer ein Fuß am Boden bleiben muss, es weder Abseits, noch Torhüter gibt, wo „nur“ zweimal zwanzig Minuten gekickt wird. Und Tackling, Grätschen, Rutschen, Spurten, Foulen – also alles was weh tun kann – verboten ist. „Perfekt!“, dachte sich Rolf Habermann. „Dazu hätte ich auch mal Lust.“
Bei der TUS Mechernich stieß der 69-Jährige mit seiner Idee, eine neue Unterabteilung für beeinträchtigte und/oder ältere Fußballerinnen und Fußballer zu gründen, auf offene Ohren. Auch, wenn der ein oder andere sich das mit dem ‚Gehen‘ vielleicht nicht direkt vorstellen konnte – so wie er selbst anfangs. „Für uns war das völliges Neuland“, erklärte der TUS-Vereinsvorsitzende Peter Schweickert-Wehner. „Aber wir wollen die Idee gerne unterstützen, denn wir finden sie prima!“
Prima fanden die Idee offenbar viele: 21 Teilnehmer und drei Teilnehmerinnen standen am Dienstagabend auf dem Kunstrasenplatz, um sich bei einer offizielle Demo-Einheit des Fußballverbands Mittelrhein mit den Regeln des Walking Football vertraut zu machen. Eigens zu diesem Zweck waren zwei FVM-Verantwortliche nach Mechernich gekommen: Constanze Ruppert und Hartwig Schumacher sind dort zuständig für Ehrenamtler im Breiten- und Gesundheitssport. Dass sie Vereinen dabei helfen, eine Gehfußball-Abteilung aufzubauen, kommt derzeit öfter vor. „Mechernich ist kein Einzelfall“, sagt Constanze Ruppert. „Die Sportart ist auf dem Vormarsch.“ Rund 50 Mannschaften gibt es derzeit in Deutschland. Die offizielle Zertifizierung von Walking Football als Rehasportart laufe auch schon. „Der DFB ist dran.“
In den Niederlanden gebe es Gehfußball-Clubs bald in jedem Ort, berichtet das Trainer-Gespann. Darauf hofft auch Bürgermeister Michael Fingel, der sich die erste offizielle Übungseinheit von seinem Platz hinter der Bande aus nicht entgehen ließ. „Ich finde es richtig toll! Und, wer weiß, vielleicht ziehen ja noch andere Vereine nach. Wäre doch klasse, wenn hier bei uns demnächst Gehfußball-Turniere stattfänden.“
Wie viel Spaß die Mechernicher Gehfußballerinnen und Fußballer bei ihrem neuen Hobby haben, ist schon beim Aufwärmen unschwer zu überhören. Hartwig Schumacher hat nicht zu viel versprochen, als er vor dem Training ankündigte: „Gehfußball spielt man aus drei Gründen. Erstens, zum Spaß haben. Zweitens, um danach ein Bierchen zu trinken. Und den dritten Grund … och, den habe ich vergessen.“ Was gut für die Muskeln ist, sei auch gut fürs Gehirn, betonte der Trainer. Gerade im Alter ein wichtiger Faktor. „Aufwärmen müssen wir darum immer auch den Kopf.“
Als der Anpfiff über den Platz schallt, ist das Laufverbot schnell vergessen. Immer wieder muss der Trainer seine Schützlinge ermahnen. „Halt Leute, hier wird nicht gerannt!“ – Gar nicht so leicht, die oberste Regel einzuhalten. Erfahrungsgemäß täten sich ehemalige Hobbykicker schwerer damit, nicht automatisch ins Laufen zu kommen, als blutige Neuanfänger, so der Trainer. „Das kniffligste sind immer die ersten zwei Schritte“, erläutert Hartwig Schumacher. „Wenn man darauf achtet, ist die Umstellung nach drei, vier Einheiten geschafft.“ Einen Knoten in die Beine zu kriegen, sei seines Erachtens die einzige Gefahr bei dieser Sportart. „Das Verletzungsrisiko ist gleich null.“ Der Hauptgrund, warum Gehfußball praktisch ohne Altersgrenze von jedermann und jederfrau ausgeübt werden kann.
Wer Lust hat, die Sache mit dem Walking Football „anzugehen“, kann jederzeit dienstags um 18.30 Uhr auf dem Kunstrasenplatz hinter dem Schulzentrum vorbeischauen. Die TUS Mechernich freut sich!
Kontakt kann über die website des TUS www.tusmechernich.de aufgenommen werden, oder aber telefonisch über Rolf Habermann unter 0173 728 25 288 sowie per Mail an rolfhabermann@gmx.de
Redakteur/in:Signe Mai Slomian aus Pulheim |
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