Einsatz gegen Gebärmutterhalskrebs
Der zweite Piks, der Hoffnung macht
- Ein kleiner Piks mit großer Wirkung. In Indien sterben überdurchschnittlich viele Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Eine Impfung bietet Schutz.
- Foto: Stephanie Herlach
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Mehr als 630 Mädchen aus benachteiligten Vierteln in Bengaluru/Indien haben ihre zweite HPV-Impfung erhalten. Hinter der Aktion steht ein ungewöhnliches Bündnis: indische Ärztinnen, Kölner Rettungskräfte und eine komplette Lufthansa-Crew.
von Serkan Gürlek
Köln/Bengaluru. Um fünf Uhr morgens erreicht das Team sein Hotel in Bengaluru. Die Nacht war kurz, der Flug lang. Doch zum Ausschlafen bleibt keine Zeit. Schon um 8.30 Uhr brechen die Helfer wieder auf. Ihr Ziel sind staatliche Schulen in der Nähe der Slumgebiete der südindischen Millionenstadt.
Dort warten mehr als 630 Mädchen auf ihre zweite Impfung gegen humane Papillomviren, kurz HPV. Es ist der entscheidende zweite Teil eines Projekts, das im November 2025 begonnen hatte. Damals waren die Schülerinnen zum ersten Mal geimpft worden. Nun, am 17. Juni 2026, sollte der im Projekt vorgesehene Impfzyklus abgeschlossen werden.
- Ein Konvoi an Tuktuks bringt die Helfer in die Schulen. Initiatorin Stephanie Herlach (r.) zeigt sich in landestypischer Kleidung.
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Hinter dem „Immunity Drive for Bangalore“ steht die Kölnerin Stephanie Herlach. Sie arbeitet als Flugbegleiterin bei der Lufthansa und ist gleichzeitig als Notfallsanitäterin und Medizinpädagogin tätig. Seit Langem nutzt sie Aufenthalte in Bengaluru, um Menschen in benachteiligten Vierteln mit einfachen Gesundheitsangeboten zu erreichen.
Aus diesen Einsätzen ist ein Netzwerk gewachsen. Beim ersten großen Impftermin im November erhielten bereits mehr als 600 Mädchen ihre erste HPV-Impfung. Unterstützt wurde Herlach von indischen Gesundheitsbehörden, medizinischen Fachkräften aus Köln und einer vollständigen Besatzung einer Boeing 747.
- Die Crew der Boing 747 zeigt sich gut gelaunt vor dem Abflug in Frankfurt am Main.
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Vor Ort waren erneut Dr. Kalavathi und Dr. Rajani wichtige Ansprechpartnerinnen. Nach Angaben der Organisatoren war ihre Unterstützung entscheidend. Auch die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium des Bundesstaates Karnataka habe dafür gesorgt, dass die zweite Impfrunde stattfinden konnte.
Die Logistik war anspruchsvoll. Mehr als 630 Schülerinnen mussten registriert, vorbereitet, geimpft und anschließend beobachtet werden. Zugleich galt es, Ängste zu nehmen. Für manche Mädchen war schon der Anblick der Spritze eine Herausforderung.
Doch aus Anspannung wurde häufig Erleichterung. Die Helfer erlebten, wie Schülerinnen vor dem Nadelstich zurückschreckten und kurze Zeit später wieder zuversichtlich zu ihren Mitschülerinnen gingen.
„Medizinische Maßnahmen sind nicht nur rein technisch“, sagt Herlach. „Es geht um Menschlichkeit und darum, den Patientinnen ein Gefühl von Sicherheit zu geben.“
Fast 80.000 Todesfälle im Jahr
Wie wichtig Prävention ist, zeigen die Zahlen. Nach den 2024 veröffentlichten GLOBOCAN-Schätzungen für das Jahr 2022 erkrankten in Indien rund 127.500 Frauen neu an Gebärmutterhalskrebs. Fast 80.000 Frauen starben an der Erkrankung.
Umgerechnet sind das etwa 350 neue Diagnosen und rund 219 Todesfälle pro Tag. Rein rechnerisch stirbt damit in Indien ungefähr alle sechseinhalb Minuten eine Frau an Gebärmutterhalskrebs. Das Land verzeichnete damals knapp ein Viertel aller weltweiten Todesfälle durch diese Krebsart.
Gebärmutterhalskrebs ist damit die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen in Indien. Besonders hart trifft die Krankheit jene, die nur eingeschränkten Zugang zu Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen und medizinischer Behandlung haben.
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Fast alle Fälle von Gebärmutterhalskrebs stehen mit einer anhaltenden Infektion durch bestimmte Hochrisikotypen des humanen Papillomvirus in Verbindung. Die Viren werden hauptsächlich durch sexuelle Kontakte übertragen. Eine Impfung vor dem ersten möglichen Kontakt mit HPV kann das Erkrankungsrisiko erheblich senken.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Impfung besonders für Mädchen zwischen neun und 14 Jahren. Je nach nationalem Impfprogramm kann dabei eine oder können zwei Dosen vorgesehen sein. Beim Projekt in Bengaluru war die zweite Impfung Teil des festgelegten Schemas.
Ein Schutz, aber keine Garantie
Die Impfung ist kein Versprechen, dass keines der Mädchen jemals an Gebärmutterhalskrebs erkranken wird. Sie schützt nicht gegen jeden möglichen Auslöser. Auch spätere Vorsorgeuntersuchungen bleiben wichtig.
Doch für die mehr als 630 Schülerinnen hat sich das Risiko deutlich verringert. Gerade in Vierteln, in denen regelmäßige medizinische Versorgung keine Selbstverständlichkeit ist, kann dieser Schutz entscheidend sein.
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Für Herlach und ihre Mitstreiter endet der Wert des Projekts deshalb nicht bei der Zahl der verabreichten Impfdosen. Es gehe ebenso um Vertrauen, Aufmerksamkeit und die Erfahrung, mit der eigenen Angst nicht allein zu sein.
Das Team erlebte an diesem Tag erneut die indische Gastfreundschaft. Vor allem aber blieben die Reaktionen der Mädchen in Erinnerung: zunächst skeptische Blicke, dann Erleichterung und schließlich ein Lächeln.
Dass die zweite Impfrunde gelang, sei das Ergebnis vieler einzelner Beiträge, betont Herlach. Ärztinnen, Rettungskräfte, Crewmitglieder, Organisatoren und Spender hätten gemeinsam dafür gesorgt, dass aus einer Idee ein verlässliches Präventionsangebot wurde.
Am Ende steht keine spektakuläre medizinische Operation. Es ist nur ein kleiner Piks. Doch für mehr als 630 Mädchen könnte er einen großen Unterschied machen.
Redakteur/in:EXPRESS - Die Woche - Redaktion aus Köln |