„Ich erinnere mich noch gut an die Todesangst“
80 Jahre Kriegsende – Der Kölner Zeitzeuge Ludwig Sebus (99) im Gespräch

Am Ende des Krieges glich Köln einer Geisterstadt. Zwischen den Ruinen der zerbombten Stadt lebten nur noch 20.000 Menschen. | Foto: US Army
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  • Am Ende des Krieges glich Köln einer Geisterstadt. Zwischen den Ruinen der zerbombten Stadt lebten nur noch 20.000 Menschen.
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Er ist unsere lebende Karnevalslegende und erlebte als Jahrhundertzeuge auch die dunkelsten Zeiten in Köln: Ludwig Sebus (99). Als Jugendlicher bangte er bei Bombenangriffen Nacht für Nacht in Kölner Bunkern und Kellern, später zog er im schon untergehenden Reich als Soldat in den Krieg. Am 8. Mai 2025 ist das Ende des Zweiten Weltkrieges nun 80 Jahre her und Zeitzeugen, die die schlimmen Ereignisse noch selber erlebt haben, werden immer weniger. Aus diesem Anlass spach der Express - Die Woche mit dem beliebten Sänger.

von Angelika Stahl und Holger Bienert

Der 99-Jährige erinnert sich, wie er als 13-Jähriger den Kriegsausbruch erlebte und seine Heimatstadt drei Jahre später zum Hauptziel alliierter Luftangriffe wurde. Bis 1945 wurden bei 262 Angriffen etwa 1,5 Millionen Bomben über Köln abgeworfen. Die „1000-Bomber-Nacht“ im Mai 1942 sowie der „Peter-und-Paul-Angriff“ im Juni 1943 waren die schwersten Bombenangriffe, die Sebus persönlich miterlebte. „Noch heute habe ich diese schrecklichen Bilder vor Augen und den süßlichen Geruch von verbranntem Fleisch in der Nase. Ich erinnere mich noch an eine große Wanne, in der die verkohlten Überreste von Menschen lagen, geschrumpft und kaum erkennbar“, erzählt Sebus, der sich an den Klang der Bomben erinnert, an die Luftminen, die sich wie ein einfahrender D-Zug anhörten und an seine Angst zu sterben.

Ludwig Sebus, Jahrgang 1925, erlebte als junger Mann Krieg und Kriegsende. | Foto: Stahl

„Als Kind schon von morgens 8 Uhr bis abends 20 Uhr in einem Bunker zu verbringen, ist für die heutige Generation nur schwer nachvollziehbar.“ Dazu kam das Bangen um Familienangehörige: „Mein Vater war bei der Feuerwehr und meldete sich tagelang nicht. Die Ungewissheit, ob er noch lebte, war unerträglich.“
Auch der Wahnsinn des untergehenden NS-Regimes spielte sich in Köln ab. Während sich die Bürger nach Frieden sehnten, drehte das Regime noch einmal richtig auf. Der tägliche Überlebenskampf, vom Regime als vermeintliche „Umsturzversuche“ ausgelegt, wurde auch in Köln brutal bestraft. Der abschreckende Terror wurde zudem begleitet von willkürlichen Morden. Brutalität zwang das eigene Volk zum Gehorsam.
„Der Hunger, die Kälte und die Unzufriedenheit sorgten dafür, dass die Menschen immer mehr dem Spionagewesen der Nazis ausgeliefert wurden. Je schwieriger es wurde den Krieg zu gewinnen, desto härter gingen sie vor. Die Menschen mussten aufpassen, dass sie nicht wegen regierungsfeindlicher Äußerungen ins KZ kamen.“ Trotz der katastrophalen Umstände erinnert sich Sebus gern an den Zusammenhalt der Kölner und deren Hilfsbereitschaft.
„Als meine Mutter einmal unseren Nachbarn, deren Haus gerade zerbombt worden war, und der Feuerwehr, die noch dabei war, den Brand zu löschen, eine warme Suppe brachte, sagte sie, der liebe Gott sieht alles, aber die Nachbarschaft sieht mehr.“ Bei all diesen Geschehnissen hätten die Kölner trotzdem nie ihren Humor verloren. Sebus: „Es ist erstaunlich, wie die Menschen damals mit dem Krieg umgegangen sind. So hatte etwa ein Friseur, dessen Geschäft komplett zerbombt war ein Schild ausgehangen auf dem stand `Heute total geöffnet`.“
Ein weiteres Beispiel war eine Replik auf eine Rede von Herman Göring, der großspurig getönt hatte, dass er Meier heißen will, sollte ein feindliches Flugzeug die deutschen Grenzen überfliegen. „Beim nächsten Luftangriff hieß es dann bei den Kölnern, dem Meier sing Fluchzeusch worden widder do.“ Bis zu 70 Prozent der Stadt Köln, so das Lebendige Museum online, wurden zerstört und damit auch die Versorgung mit Wasser und Energie.
1944, zum 18. Geburtstag von Ludwig Sebus und nur wenige Monate vor Kriegsende, wurde Sebus zur Wehrmacht einberufen. „Wer sich weigerte, wurde wegen Fahnenflucht verhaftet und erschossen. Ich wurde Funker und habe Gott sei Dank nie ein Gewehr in die Hand nehmen müssen.“
Erst 1950 kehrte Sebus aus der Kriegsgefangenschaft heim nach Köln. Ein großer Teil der Wohnhäuser, so Sebus, war wieder aufgebaut. Unter diesem Eindruck schrieb er das Lied „Uns kölsche Siel, die kann uns keiner nemme, die hät der Hergodd deefe in uns jelaht.“ Es sei für ihn im Rückblick kaum vorstellbar, wie die Menschen es geschafft haben, mit dieser unmittelbaren Todesgefahr, der sie Nacht für Nacht ein paar Mal ausgesetzt waren, tagsüber weiterhin arbeiten zu gehen. Mit Kriegsende verschwand zwar die unmittelbare Bedrohung des eigenen Lebens, aber nicht alle Probleme waren gelöst. An allem mangelte es.
„Ein Onkel als Bauer in der Eifel war damals mehr wert als ein reicher Onkel in Amerika“, scherzt Sebus und wird nachdenklich: „Die Menschen heute müssen realisieren, welch ein großer Segen es ist, friedlich leben zu können, Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben und dass wir das tun dürfen, was wir wollen.“
Was Sebus heute besorgt, sind gewisse Parallelen in der Gesellschaft zur damaligen Zeit. Auch heute gebe es Menschen, die Gleichgültigkeit zeigen und dem Versprechen einer schnellen Lösung vertrauen. „Diese Gleichgültigkeit sehe ich auch heute als eine große Gefahr. Damals half sie Hitler, unterstützt von Versprechungen, an die Macht zu kommen.“ Die katastrophalen Folgen sollten jedem bekannt sein. „In und mit diesen Ängsten zu leben, möchte ich gerade den jungen Menschen ersparen. Darum sind Demokratie und der Frieden, den wir hier in Deutschland haben, so wichtig und wertvoll und schützenswert.“

Zahlen und Fakten zum Kriegsende

  • 1939 lebten 770.000 Menschen in Köln
  • 20.000 Soldaten, die aus Köln stammten, starben
  • 4500 Kölner starben bei den Bombardierungen
  • 5000 wurden dabei verwundet
  • 45.000 wurden obdachlos
  • 95 Prozent der Altstadt wurde zerstört

Und der Kölner Statthalter Hitlers, Gauleiter Josef Grohé?
Der überzeugte Nazi – 1922 Mitbegründer der Kölner NSDAP-Ortsgruppe – zeigte Zeit seines Lebens keine Reue, lebte nach dem Krieg unbehelligt in Köln, arbeitete in der Spielwarenbranche. Als ehemaliger Staatsbeamter erhielt er volle Altersbezüge und starb 1987 in Köln.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung stand, dass der "Peter-und-Paul-Angriff" im Juni 1942 erfolgte. Wir haben die Passage korrigiert.  

Am Ende des Krieges glich Köln einer Geisterstadt. Zwischen den Ruinen der zerbombten Stadt lebten nur noch 20.000 Menschen. | Foto: US Army
Ludwig Sebus, Jahrgang 1925, erlebte als junger Mann Krieg und Kriegsende. | Foto: Stahl
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EXPRESS - Die Woche - Redaktion aus Köln

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