Jazzclub Hürth
„Les Grandes Dames“ meet „Latin Fever“
- Der Jugendchor des Albert-Schweitzer-Gymnasiums „Latin Fever“ setzte mit temperamentvollen Rhythmen einen energiegeladenen Auftakt.
- Foto: Regina Reiners
Der Jazzkeller Hürth-Gleuel bot an diesem Abend nicht nur eine Bühne, sondern einen Resonanzraum für Erinnerungen, Neuinterpretationen und überraschende musikalische Dialoge. Während der Jugendchor des Albert-Schweitzer-Gymnasium „Latin Fever“ mit temperamentvollen Rhythmen einen energiegeladenen Auftakt setzte, lag der eigentliche dramaturgische Kern des Abends in der Hommage an die „Grandes Dames“ der Musikgeschichte.
Hürth (sis). Merle Kneissl und Sabine Kühlich widmeten sich diesem Programm mit spürbarer Hingabe und einem feinen Gespür für stilistische Vielfalt. Die Auswahl der Stücke war dabei ebenso klug wie wirkungsvoll: Klassiker, die man zu kennen glaubt, wurden nicht einfach reproduziert, sondern neu interpretiert und in einen heutigen Kontext gesetzt.Einen besonders intensiven Moment schuf Kneissl mit ihrer Interpretation des Chansons „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ von Marlene Dietrich. Deren inspirierende Stärke und Haltung in den 30er/40er Jahren stellt einen Meilenstein der Les Grandes Dames dar berichtete Kühlich. Mit warmer Stimme und reduzierter Begleitung gelang es Merle Kneissl, die deutliche Aussage des Liedes eindrucksvoll herauszuarbeiten. „Ich versuche nicht, Dietrich zu kopieren, ich erzähle ihre Geschichten mit meiner eigenen Stimme“, erklärte sie und genau das machte die Darbietung so überzeugend. Ein atmosphärischer Kontrast folgte mit dem Bossa-Nova-Klassiker Corcovado, bekannt durch Astrud Gilberto. „Durch ihre Interpretation des englischen Text erlangte dieser Song Weltruhm,“ erzählte Kneissl - Astrud Gilbertos Name hingegen schaffte es nicht mal aufs Albumcover. Die Stimmen von Kühlich und Kneissl verschmolzen zu einem weichen, fast schwebenden Klangbild. Das von Kühlich und Tsankova vertextete Stan Getz Solo beinhaltete eine weibliche Perspektive auf den Song Corcovado. Sabine Kühlich überzeugte hier als Multitalent: ihr Klavierspiel war fein und groovy, das Pianosolo erschien wunderbar melodiös. Kneissls und Kühlichs hingebungsvolle gesangliche Interpretation ließen Raum für Zwischentöne und unterstrichen die Sehnsucht - Saudade dieses Stücks.
Mit „The Lady with the Lamp“ brachte Kühlich zudem eine eigene Komposition auf die Bühne eine musikalische Hommage an Florence Nightingale. Das Stück verband erzählerische Tiefe mit feinen jazzigen Strukturen und zeigte eindrucksvoll Kühlichs Fähigkeit, historische Figuren musikalisch lebendig werden zu lassen.
Kneissl überzeugt auch am Kontrabass „Ich hatte kein Vorbild, ich hab mich vor genau einem Jahr schockverliebt in dieses Instrument. Das ist ein ganz neuer Selbstausdruck, der frisch in meinem Leben ist und eine ganz neue Perspektive schenkt. Am Drumset erdete Marcus Möller mit Feingefühl und klarem Groove. Er komplettierte das rhythmische Fundament mit feinem Gespür für Timing und Dynamik.
Merle Kneissl setzte mit ihrem Song „Dream of you“ einen weiteren interessanten Akzent. Emotional nostalgisch und zugleich reflektiert, spiegelte das Stück ihre eigene musikalische Handschrift wider. Die junge Komponistin schlägt eine Brücke von 2026 zur Tradition des Great American Songbooks.
Einen weiteren Spannungsbogen erzeugten die swingenden Passagen im Stil von Ella Fitzgerald und Doris Day, in denen Kühlich ihre ganze Virtuosität entfalten konnte. „Swing lächelt“, kommentierte sie und das Publikum lächelte hörbar mit.
Auch abseits der Bühne wurde die Bedeutung des Abends hervorgehoben. Der Vorsitzende des Jazzclub Hürth, Günter Reiners, betonte: „Die Workshops im Albert-Schweitzer Gymnasium zeigen, wie wichtig es ist, jungen Menschen früh die Begegnung mit Jazz zu ermöglichen. Kühlichs Komposistion „They call us the keeper of the Flame“ ist hier Programm. Drei Generationen standen auf der Bühne und sind vereint in ihrer Liebe zum Detail. Wenn Erfahrung und Neugier aufeinandertreffen, entsteht genau das, was wir heute erleben durften: zeitlose und immerwährend lebendige Musik.“
Wie sehr dieses Konzept beim Publikum ankam, zeigte sich auch in den Stimmen aus dem Saal. Eine Zuhörerin fasste ihre Eindrücke begeistert zusammen: „Diese Mischung aus jungen Stimmen, erfahrenen Künstlerinnen und diesen wunderbaren Liedern das geht direkt ins Herz. Man spürt, dass hier etwas Echtes passiert.“
Der langanhaltende Schlussapplaus bestätigte eindrucksvoll die Wirkung des Abends: Das Publikum erhob sich von den Plätzen, feierte die Musikerrinnen und Musiker mit stehenden Ovationen sang bei der Zugabe Que sera sera noch einmal schwelgend mit. Ein würdiger Ausklang für ein Konzert, das nicht nur unterhielt, sondern berührte.
„Jetzt freuen wir uns auf den 22. Mai, wenn der junge Pianist David Yolono Mayo mit seinem Trio im Hürther Jazzkeller auftritt“, so Reiners abschließend. Mehr Infos unter: www.jazzclub-huerth.de
Redakteur/in:Signe Mai Slomian aus Pulheim |
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