20 Jahre „Dornröschenschlaf“
Wie geht’s weiter auf dem Schoeller-Areal?
- Elke Retzer und Prof. Dr. Oleg Retzer stehen hinter Retzer Industry und haben gemeinsam bereits viele Gewerbe- und Industriestandorte revitalisiert.
- Foto: Foto: Herkenrath
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Eitorf. Die Geschichte des Industrieareals nördlich der Bahnlinie reicht bis ins Jahr 1873 zurück. Auf dem nahe der Sieg gelegenen Gelände errichtete die aus Wuppertal-Barmen stammende Familie Gauhe zunächst eine Alizarinfabrik. Alizarin war der synthetische Grundstoff zur Herstellung des Textilfarbstoffs „Türkischrot“, auf dessen Produktion die Familie Gauhe ein Patent besaß.
Bereits im Jahr 1888 wurde auf einem Teil des Besitzes die Kammgarnspinnerei Karl Schäfer & Co. gegründet, die später von der Breslauer Schoeller’schen Kammgarnspinnerei übernommen wurde. Die von den Eitorfern „Kammgarn“ genannte Fabrik beschäftigte in ihren Hochzeiten weit über 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in drei Schichten. Aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Handstrickgarnen und der zunehmenden Billigkonkurrenz aus Fernost wurde der Betrieb 2005 endgültig eingestellt.
Nach fast 20 Jahren „Dornröschenschlaf“ wurde das große Areal mit allen Betriebsgebäuden vor zwei Jahren von der Retzer Industry Eitorf GmbH & Co. KG aus Dallgow-Döberitz übernommen. Hinter der Firma steht die Familie von Elke und Dr. Oleg Retzer. Die Geschicke in Eitorf soll Martin Retzer, der Sohn der Familie, leiten.
Schon vor dem Verkauf an Retzer Industry wurde der riesige Komplex unterschiedlich genutzt. Unter den Nutzern waren metall- und kunststoffverarbeitende Firmen, Handelsbetriebe, Verwaltungen und Künstler. Die neuen Eigentümer investieren stark in die Erhaltung und Modernisierung des Komplexes, müssen aber auch auf einen wirtschaftlichen Betrieb achten. Dies war bisher zumeist nicht gegeben, da es oft an vertraglichen Grundlagen fehlte oder nur geringe Nebenkostenabschläge statt Miete gezahlt wurden. Deshalb wurden allen Mietern entsprechende neue Verträge angeboten.
Nicht alle waren sofort einverstanden: Vier Betriebe haben das Areal bereits verlassen bzw. werden es noch kurzfristig tun. Die verbliebenen Mieter können sich jedoch darauf freuen, dass die Dächer wieder dicht sind, die Elektrik einwandfrei funktioniert, ein umfangreicher Brandschutz gewährleistet wird und das Gelände zukünftig komplett eingefriedet ist.
Der Verlust einiger Mieter konnte bereits zum großen Teil durch neue Zuzüge oder Erweiterungen kompensiert werden. So wird der Non-Food-Logistiker Wenco aus Hennef seine Präsenz in Eitorf vergrößern und in absehbarer Zukunft auch das bisher ungenutzte Hochregallager mit 9.500 Palettenplätzen wieder in Betrieb nehmen.
In die ehemalige Färberei wird nach größeren Umbauten bald eine Firma für große Metallteile einziehen. Damit die bis zu 40 Tonnen schweren Teile abtransportiert werden können, soll – gemeinsam mit der Deutschen Bahn – auch der einst vorhandene Gleisanschluss reaktiviert werden. Dies und die Verkehrsführung der schweren Lkws vorbei am Gleisanschluss machen jedoch auch die Sperrung des Spinnerwegs parallel zur Bahntrasse nötig. Die Nutzung des Weges wurde bisher zwar geduldet, jedoch reicht der Platz zukünftig nicht mehr aus für ein sicheres Nebeneinander von Fußgängern, Radfahrern und Güterverkehr. Deshalb versperrt jetzt ein verschlossenes Tor den Zugang und nur Berechtigte können passieren.
Die Verlagerung von bis zu 60 Prozent der Warenlieferungen auf die Bahn und die Nutzung regenerativer Energien sollen langfristig zu einer erheblichen CO₂-Einsparung führen. Dies wird unter anderem durch die konsequente Nutzung der Dächer mit Photovoltaik-Modulen sowie einer großen Solar-Freiflächenanlage erreicht. Im Endausbau werden so bis zu acht MWh Strom erzeugt. Um den Solarstrom auch in Dunkelphasen nutzen zu können, werden auf dem Gelände zudem Batteriespeichersysteme installiert. Hierzu werden im hinteren Bereich des Spinnerwegs ein kleines Haus, die ehemals als Lager genutzten „Nissenhütten“ sowie zwei nicht mehr genutzte Klärbecken abgerissen. Das britische Unternehmen VPI investiert dort etwa 250 Millionen Euro in den mit einer Kapazität von 480 Megawattstunden größten Batteriespeicher der Region. Solche Batterien sollen den Strom nicht nur „lagern”, sondern das gesamte Energiesystem sicherer, flexibler und letztendlich auch günstiger gestalten, denn sie nehmen Strom auf, wenn zu viel erzeugt wird, beispielsweise durch Sonne oder Wind, und geben ihn ab, wenn zu wenig erzeugt wird. Dadurch können Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen ersetzt und die CO₂-Bilanz weiter verbessert werden.
Die Familie Retzer verspricht sich von ihrem langfristigen Engagement im neuen Industrieareal auch einen Zuwachs an Arbeitsplätzen. So könnte allein der neue Metallverarbeiter etlichen ehemaligen ZF-Angestellten eine neue Zukunft bieten. Langfristig erhofft sich Dr. Oleg Retzer 500 bis 700 neue Arbeitsplätze am Standort.
Da wohnortnahes Arbeiten zudem den ökologischen Fußabdruck verbessern kann, plant der Investor auf „Gauhes Wiese“ den Bau von bis zu 180 Wohneinheiten. Überall auf dem 150.000 Quadratmeter großen Gelände wird eifrig gearbeitet und instandgesetzt. Das ist sicherlich ein gutes Zeichen, dass der „Dornröschenschlaf“ vorbei ist und eine neue Zeit auf der „Kammgarn“ angebrochen ist.
Freie/r Redaktionsmitarbeiter/in:Stefan Herkenrath aus Eitorf |