Tango & more – selbstverständlich mit Akkordeon!
Helmut C. Jacobs entführt mit seinem Konzertakkordeon auf eine musikalische Reise durch Spanien und Lateinamerika
- Solokonzert "Tango & more" von Helmut C. Jacobs mit seinem MIII-Akkordeon in der Evangelischen Trinitatiskirche in Bonn-Endenich.
- Foto: Anita Brandtstäter
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Bonn. Das Akkordeon ist „Instrument des Jahres 2026“ – und was in diesem Instrument alles steckt, demonstrierte Helmut C. Jacobs bei seinem Solokonzert „Tango & more“ in der gut besuchten Evangelischen Trinitatiskirche Bonn auf eindrucksvolle Weise. Mit seinem MIII-Einzelton-Akkordeon nahm der gebürtige Bonner das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch Spanien und Lateinamerika, durch mehrere Jahrhunderte Tanzgeschichte und schließlich mitten hinein in die faszinierende Klangwelt des argentinischen Tango nuevo.
Das abwechslungsreiche Programm spannte einen Bogen vom spanischen Fandango und Bolero des 18. Jahrhunderts über kubanische Tänze und brasilianische Samba bis zu den Tangokompositionen von Astor Piazzolla und einem spanischen Neo-Tango von Gorka Hermosa. Jacobs verband die Musik mit kenntnisreichen, unterhaltsamen Erläuterungen und ließ die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur hören, sondern auch verstehen, welche Geschichten hinter den Werken stecken.
Von Fandango und Bolero bis zur Samba
Im 18. Jahrhundert entstanden in Spanien neue Tänze wie Fandango und Bolero, die sich rasch über Spanien hinaus in ganz Europa verbreiteten und zu wichtigen Vorläufern der späteren Flamenco-Tradition wurden. Jacobs eröffnete sein Konzert mit dem anonym überlieferten „Entra el Fandango. Allegretto“, einer recht schnellen Ouvertüre. Es folgten zwei „Boleros de la Finney Collection (USA)“. Im „Bolero del Sorongo. Bayle Gitano“ zeigte sich eine überraschend zarte Seite des Bolero, obwohl es sich um einen Tanz der Roma handelt. Der zweite „Bolero“ ergänzte das Bild dieser frühen spanischen Tanzform, die wenig mit dem bekannten Werk von Ravel zu tun hat. Beim anonym überlieferten „Fandango intermediado de la Rondeña. Andantino“ wechseln sich zwei Tänze im gleichen Tempo ab: der Fandango und die Rondeña, die ihren Namen von der spanischen Stadt Ronda hat.
Eine besondere Entdeckung war Domenico Scarlattis (1685–1757) „Fandango“. Von dem vor allem als Cembalokomponisten bekannten Scarlatti wurde ein Manuskript dieses Werkes gefunden. Auf dem Akkordeon erwies sich der Fandango als ausgesprochen virtuoses Stück – ein ideales Beispiel dafür, welche Wirkung Barockmusik auf dem modernen Konzertakkordeon entfalten kann. Mit Ignacio Cervantes (1847–1905) ging die musikalische Reise anschließend nach Kuba. Seine „Danzas cubanas“ entführten ins 19. Jahrhundert und bestachen durch eingängige Melodieführungen - Zuhörer entdeckten darin Assoziationen zu Fritz Kreisler und seiner Wiener Musik. Dass ein Akkordeon diese unterschiedlichen musikalischen Welten überzeugend miteinander verbinden kann, wurde in Jacobs' Interpretation unmittelbar hörbar. Den Abschluss des ersten Teils bildete Ernesto Nazareths (1863–1934) „Cavaquinho. Samba movida“ (1926). Das bekannte Stück mit seinem charakteristischen Samba-Rhythmus brachte noch einmal eine ganz andere Klangfarbe ins Programm.
Piazzolla: Tango zwischen Basslastigkeit, Frühstück und Picasso
Nach der Pause gehörte die Bühne ganz dem argentinischen Tango. Im Mittelpunkt stand Astor Piazzolla (1921–1992), der wie kaum ein anderer Komponist den Tango aus seiner traditionellen Form herausführte und mit Elementen aus Klassik und Jazz zum Tango nuevo weiterentwickelte. Den Anfang machte Aníbal Troilo (1914–1975) und Astor Piazzolla: „Contrabajeando“ (1954). Das Werk war ursprünglich für den Kontrabassisten des Quintetts geschrieben und entsprechend basslastig. Auf dem MIII-Akkordeon konnte Jacobs diese besondere klangliche Anlage eindrucksvoll herausarbeiten.
Mit „Marrón y azul“ (1955) folgte ein Piazzolla-Werk mit einer ebenso ungewöhnlichen wie amüsanten Entstehungsgeschichte. Piazzolla kam eines Morgens zum Frühstück und trug braune und blaue Kleidung. Das gehe überhaupt nicht, befand seine Frau, woraufhin er sich umzog. Einen perfekten Titel für seinen nächsten Tango hatte er allerdings bereits gefunden: „Marrón y azul“ – Braun und Blau. „S. V. P. (s’il vous plaît)“ (1955) entstand auch in jener Zeit, in der Piazzolla in Paris bei der legendären Kompositionslehrerin Nadia Boulanger studierte. Besonders am Herzen liegt Helmut C. Jacobs „Picasso“ (1956). Der Komponist verehrte wie Jacobs selbst den großen spanischen Künstler. Musikalisch wartet das Stück mit einer etwas schrägen Harmonik auf – und gerade diese ungewöhnliche Klangsprache machte Jacobs' Interpretation zu einem besonderen Hörerlebnis.
Mit „Oda para un hippie. Tango“ (1973) führte Jacobs noch weiter in Piazzollas späteres Schaffen. Das ursprünglich für Quintett komponierte Werk hatte er für Solo-Akkordeon arrangiert. Hier zeigte sich besonders eindrucksvoll, welche klanglichen Möglichkeiten sein MIII-Instrument bietet und wie ein einzelnes Akkordeon die musikalische Dichte eines ursprünglich mehrstimmig besetzten Werkes auffangen kann.
Ein Tango für Ludwig van Beethoven
Zum Höhepunkt des Konzertes wurde schließlich Gorka Hermosas (*1976) „Tango pour Ludwig“ (2011). Der spanische Komponist verbindet darin seine eigene Sicht auf den Tango nuevo mit einem Motiv Ludwig van Beethovens aus dem Scherzo einer Klaviersonate. Auch die Entstehung der Solo-Fassung ist bemerkenswert: Grundlage war zunächst ein Arrangement für Ensemble mit Marimba, Percussion und Bass. Jacobs erarbeitete daraus seine Fassung für Solo-Akkordeon – und konnte den Komponisten selbst davon überzeugen. Hermosa nahm Jacobs' Solo-Arrangement ab.
In der leidenschaftlichen Ausführung wurde „Tango pour Ludwig“ zum fulminanten Höhepunkt des Abends. Klassische Musikgeschichte, spanische Perspektive und moderner Tango verschmolzen zu einem virtuosen, rhythmisch packenden Finale. Zugleich bewies Jacobs einmal mehr, dass das Akkordeon längst nicht auf traditionelle Tanzmusik festgelegt ist, sondern als Konzertinstrument eine enorme klangliche und musikalische Bandbreite besitzt. Der begeisterte Applaus des Publikums sprach für sich. Als Zugabe setzte Helmut C. Jacobs mit „Reminiscencia“ schließlich einen ruhigeren, stimmungsvollen Schlusspunkt.
Ein Musiker zwischen Akkordeon und Romanistik
Helmut C. Jacobs ist in Bonn geboren und erhielt mit zehn Jahren seinen ersten Akkordeonunterricht. Nach Unterricht bei verschiedenen Lehrern absolvierte er seine solistische Ausbildung bei Guido Wagner und wurde Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe. Zahlreiche Solo- und Kammermusikwerke wurden eigens für ihn komponiert. Neben der zeitgenössischen Akkordeonmusik widmet sich Jacobs auch der heute weitgehend vergessenen Literatur für Instrumente wie die englische Concertina oder das Harmonium. Gemeinsam ist diesen Instrumenten mit dem Akkordeon das Prinzip der Tonerzeugung durch durchschlagende Zungen. Seine internationale Konzerttätigkeit führte ihn unter anderem 2014 an das Central Conservatory of Music in Peking, eine der führenden Musikhochschulen Chinas. Dort gab er ein Konzert, hielt Vorträge über die Geschichte des Akkordeons und unterrichtete eine Masterclass. Zahlreiche CDs dokumentieren sein musikalisches Schaffen.
Eine ungewöhnliche Verbindung von Musik und Wissenschaft prägt auch seinen beruflichen Werdegang: Von 1997 bis 2021 war Helmut C. Jacobs Professor für Romanistik und Literaturwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2025 lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Bonn. Bei „Tango & more“ kamen beide Seiten seiner Persönlichkeit wunderbar zusammen: der engagierte Akkordeonist und der Romanist, der musikalische Zusammenhänge kenntnisreich erläutert und dabei immer wieder kleine Geschichten und persönliche Einblicke einstreut. So wurde das Konzert nicht nur zu einem Fest für die Ohren, sondern auch zu einer höchst unterhaltsamen musikalischen Entdeckungsreise.
LeserReporter/in:Anita Brandtstäter aus Köln |
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