20 Jahre Perspektive Rhein-Erft-Kreis
Berührungsängste abgebaut

Dittmar Schrader und Gabriele Nase, beide Gründungsmitglieder, sowie Gerda Steffens und Ute Nett. Die drei Frauen sind Vorstandsmitglieder. Vorsitzende ist Gabriele Nase. 
  • Dittmar Schrader und Gabriele Nase, beide Gründungsmitglieder, sowie Gerda Steffens und Ute Nett. Die drei Frauen sind Vorstandsmitglieder. Vorsitzende ist Gabriele Nase. 
  • Foto: Perspektive Rhein-Erft-Kreis
  • hochgeladen von Martina Thiele-Effertz

Bergheim - Der Verein „Perspektive Rhein-Erft-Kreis“ hat sich im März
2000 aus einer Elterninitiative und heilpädagogischen Fachkräften
gegründet und setzt sich seitdem im Rhein-Erft-Kreis für die
Interessen von Menschen mit Behinderungen ein. Zum 20-jährigen
Jubiläum hat die Werbepost ein Interview mit dem Vorstand
geführt.

Wer waren die Gründer von Perspektive Rhein-Erft-Kreis?
Beschreiben Sie diese Menschen ein wenig.

Gründungsmitglieder waren Gabriele Nase, sehr motiviert, zielstrebig
und ihr Partner Dittmar Schrader sowie sechs weitere Mitstreiter die
alle einen Angehörigen mit kognitiver Beeinträchtigung hatten.

Was war die Motivation?
Das ursprüngliche Ziel des Vereins „Perspektive Rhein-Erft-Kreis“
im Jahr 2000 klang schon durchaus ehrgeizig. Die Vorsitzende Gabriele
Nase, selbst Mutter eines Pflegesohnes mit geistiger Behinderung, und
ihre Mitstreiter machten sich dafür stark, dass die Lebenssituation
von Menschen mit Behinderung verbessert und örtliche Angebote in den
Bereichen Arbeit, Freizeit und Wohnen erweitert und ergänzt werden.

Was stand zu Beginn der Arbeit im Fokus, was waren die ersten
Angebote?

Es begann mit einem Jugendtreff in Elsdorf. Zunächst wurden Angebote
für junge Erwachsene und Jugendliche angeboten. 2002 wurde
Perspektive Rhein-Erft-Kreis als Träger einer „Kleinen Offenen
Tür“ von der Stadt Elsdorf anerkannt. Zahlreiche begleitete
Freizeitattraktionen – Besuche im Fußballstadion, in der Disco oder
in der Kölner Altstadt - fanden ebenfalls regelmäßig statt. Zu
Beginn wurden auch Ferienspiele angeboten. Später wurden diese
Angebote durch Urlausfahrten ergänzt.
Ein weiteres Angebot war das „Betreute Wohnen“ in
Wohngemeinschaften. „Die behinderten Menschen leben dort mit
Unterstützung weitestgehend selbstständig und vereinsamen nicht“,
zählte damals die Heilpädagogin Gabriele Nase zwei der Vorteile auf.
Das erste Haus des Vereins wurde 2004 in Elsdorf angemietet und von
zwei Männern und drei Frauen bewohnt. Die Wohnangebote werden bis
heute weiter ausgebaut.

Wie hat sich dieses Angebot über die 20 Jahre hinweg
verändert?

Um der großen Nachfrage an Wohnangeboten entgegen zu kommen, hat der
Verein Perspektive Rhein-Erft-Kreis 2011 gemeinsam mit dem Verein
Werft die CuraCon Rhein-Erft gemeinnützige GmbH gegründet. Die
Gesellschaft übernahm die Aufgaben des Vereins, insbesondere die
Arbeitsfelder Wohnen und Freizeit. „Heute ist es möglich, dass auch
Menschen mit mehrfachen Behinderungen in den 11 Wohngemeinschaften
leben und dabei intensiv begleitet werden. Dabei liegt der Blick immer
auf der einzelnen Person mit ihren Wünschen und Bedürfnissen“, so
Ute Nett, Fachbereichsleiterin des Betreuten Wohnens. Viele Menschen
mit Behinderung sind in den letzten Jahren direkt vom Elternhaus oder
auch nach Verselbstständigung in den WGs in die eigene Wohnung
gezogen. Neben der Unterstützung in den Wohngemeinschaften werden
rund 30 Personen in ihren eigenen Wohnungen ambulant unterstützt,
gerade auch jetzt in der Corona-Situation im unermüdlichen Einsatz
der Mitarbeiter.
In Trägerschaft des Vereins verblieb die im November 2004 eröffnete
Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit
geistiger Behinderung, kurz KoKoBe, genannt. Dort finden Menschen mit
geistiger Behinderung eine Anlaufstelle rund um die Themen Wohnen,
Arbeit und Freizeit.
Im Jahr 2018 kam die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)
hinzu, um Menschen mit körperlichen und anderen
Teilhabebeeinträchtigungen zu beraten. Die EUTB berät zu sämtlichen
Lebenslagen und Rehabilitationsleistungen nach den verschiedenen
Sozialgesetzbüchern. Beide Beratungsstellen sind in der Corona-Zeit
auch per Mail und telefonisch für Ratsuchende zu erreichen.
Für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen ist die aktuelle
Situation besonders schwierig: Sie können ihrer gewöhnlichen
Tätigkeit sei es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oder in den
Werkstätten für Menschen mit Behinderung nicht mehr nachgehen.

Was hat sich für Menschen mit Behinderung und in der
Öffentlichkeit in diesen 20 Jahren verändert?

Angefangen im Freizeitbereich wurden Möglichkeiten geschaffen, damit
junge Menschen mit geistigen oder mehrfachen Behinderungen Kontakte
knüpfen, an Freizeitveranstaltungen und so am öffentlichen Leben
teilhaben können. Weiter sind Theater-, Film- und Musikprojekte
entstanden, so beispielsweise die Aufführung „Der Zauberer von
Oz“ oder die integrative Musikgruppe „OffBeat“. Bis dahin waren
die Freizeitaktivitäten sehr begrenzt, durch unsere Angebote erfahren
die Menschen mit Behinderung mehr Aufmerksamkeit, sie sind
selbstbewusster geworden und leben selbstbestimmter. Wir haben
festgestellt, dass die Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit
präsenter geworden sind und dass in der Bevölkerung
Berührungsängste abgebaut werden. Bei den Proben der Musikgruppe
sind alle Akteure mit Feuereifer dabei und freuen sich auf die
Auftritte. Hier geben sie ihr Bestes. Dabei stellen wir immer wieder
fest, dass oft viel mehr Potential in den Musikern steckt als ihnen
zugetraut wird. Man sollte nicht nur auf die Schwächen der Menschen
mit Behinderung achten, sondern ihre Stärken hervorheben.

Gibt es neue Pläne und Perspektiven?
„Leider werden uns zum Ende des Jahres öffentliche Mittel für den
Freizeitbereich gestrichen, so dass wir vermehrt auf Spenden
angewiesen sind, damit die langjährige Arbeit weitergeführt werden
kann“, so Gerda Steffens.
Wir sehen, wie sehr sich die Freizeitteilnehmer über die
regelmäßigen Treffen freuen und bei allen Aktivitäten begeistert
mitmachen.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?
Die langjährige Vorstandsvorsitzende des Vereins, Gabriele Nase, die
im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz in Berlin erhalten hat,
blickt dennoch positiv in die Zukunft. „Wir können zwar unsere
geplante Jubiläumsfeier am 20. Juni 2020 nicht feiern. Wir werden
aber alles Mögliche dafür tun, dass wir diese schwierige Zeit
gemeinsam gut überstehen. Wir schauen auch schon in die Zeit nach
Corona und hoffen, dass wir die in den letzten 20 Jahren geschaffenen
Angebote weiterhin aufrechterhalten können.“

Informationen:
www.perspektive-rhein-erft-kreis
oder unter www.curacon-rhein-erft.de

Redakteur:

Martina Thiele-Effertz aus Elsdorf

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