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Lesung mit Musik in Mines Spatzentreff
Katharina Prünte erzählt die bewegende Lebensgeschichte ihrer Mutter

Die Autorin Katharina Prünte stellte ihren Roman „Traudel – Die Fremde so nah“ vor und wurde dabei von ihrem Mann Lothar Prünte musikalisch auf der Gitarre begleitet. | Foto: Anita Brandtstäter
  • Die Autorin Katharina Prünte stellte ihren Roman „Traudel – Die Fremde so nah“ vor und wurde dabei von ihrem Mann Lothar Prünte musikalisch auf der Gitarre begleitet.
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Wesseling. Eine Lesung, die unter die Haut ging: In Mines Spatzentreff präsentierte die Autorin Katharina Prünte gemeinsam mit ihrem Mann Lothar, der vielen in Wesseling als Sänger ELPI bekannt ist, ihren Roman „Traudel – Die Fremde so nah“. Die Veranstaltung verband eindrucksvoll Erzählung, Lesung und Musik – und entführte das Publikum in die bewegte Lebensgeschichte einer Frau zwischen Hoffnung auf ein neues Leben  und häuslicher Gewalt. Katharina Prünte erzählte wesentliche Handlungsstränge und las mit klarer Stimme ausgewählte Passagen. Und die Zuhörerinnen und Zuhörer hörten aufmerksam zu. 

Flucht in den Westen – und ein Neuanfang

Der erste Teil der Lesung führte zurück in das Jahr 1960, als Traudel – die Mutter der Autorin – mit ihrer Freundin ihre Flucht aus der DDR in den Westen plant. Ganz allein fährt sie dann mit dem Zug von Neuzelle im Landkreis Oder-Spree nach Berlin und landet schließlich im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, das zwischen 1953 und 1990 für rund 1,5 Millionen DDR-Bürgerinnen und -Bürger die erste Station auf ihrem Weg in ein neues Leben war. Passend dazu erklang das erste Lied des Abends: „Wooden Heart“ von Elvis Presley, eine englische Adaption des Volksliedes „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Lothar Prünte sang und begleitete sich an der Gitarre, die Autorin sang einige Passagen mit.

Von Berlin führt Traudels Weg zunächst zu ihrer Tante Hiltrud in ein Franziskanerkloster in Neuwied, wo sie in der Küche arbeitet. Schließlich landet sie im Rheinland, in der Amerikanischen Siedlung in Bonn. Dort freundete sie sich mit Heidi an und erlebte erste Momente der Freiheit: Spaziergänge am Rhein, Kuchen in der Bastei, die erste Zigarette – und dann auch den ersten Kuss von Fred, Heidis Bruder. Musikalisch endete dieser erste Abschnitt mit einem heiteren Klassiker: „Verliebt, verlobt, verheiratet“, bekannt durch Peter Alexander und Conny Froboess.

Alkohol, Gewalt und ein Leben voller Widersprüche

Nach der Pause wurde die Geschichte deutlich ernster. Traudel ist inzwischen mit Fred zusammen – in einer Beziehung, die zunehmend von Alkohol, Gewalt und Abhängigkeit geprägt ist. Das Lied „Schuld war nur der Bossa Nova“ aus dem Jahr 1963 war ein ironischer Kontrast zu den dramatischen Ereignissen der Handlung. Immer wieder erzählt Katharina Prünte von den schweren Prüfungen im Leben ihrer Mutter: Streit, Demütigungen, Schwangerschaften, eine Fehlgeburt und schließlich die Geburt ihrer Tochter Katharina.

Die historische Ereignisse bilden den Hintergrund der persönlichen Geschichte. Der Mauerbau 1961 verändert vieles – doch Fred ist weder politisch interessiert noch belesen - im Gegensatz zu Traudel. Und in diesem Jahr war auch an Heiligabend die Verlobung der beiden.  

Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen von Fred und immer wieder verspricht er Besserung: er schlägt sich mit einem Kollegen und entlobt sich, er vergewaltigt Traudel 1963 nach einer Schlägerei bei der Kirmes, er schlägt sie 1964 zum ersten Mal in der eigenen Wohnung - wieder betrunken. 1965 konnte zum ersten Mal ihre Mutter Käthe die beiden besuchen - glückliche Momente für Traudel mit einem Kinobesuch "James Bond - Liebesgrüße aus Moskau". Auch Käthe bekommt die häusliche Gewalt bei ihren Besuchen mit - 1973 konnte sie einen Streit beenden. Katharina war bei ihr im Bett und hatte viel Angst. 1977 warf Fred im Streit einen Marmor-Aschenbecher nach Traudel und verletzte sie schwer. 

Ein wichtiger Wendepunkt in Traudels Leben war bei einem Besuch bei Heidi, als ihre erst 19-jährige  Schwester Gerta offen sagt: „Alfred schlägt mich – ich will ihn verlassen.“ Eine Entscheidung, die damals fast revolutionär wirkt – und Traudel erstmals zeigt, dass ein anderer Weg möglich wäre.

Doch der endgültige Bruch kommt erst später nach dem Alkoholentzug von Fred: 1981 erklärt Fred plötzlich, dass er eine andere Frau habe und gehen werde, obwohl beide ja eine Tochter haben - Katharina war mittlerweile 16. Mit dem melancholischen Schlager „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders endete dieser bewegende Teil der Lesung.

Ein Roman über Trauma und Stärke

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum wurde deutlich, wie persönlich dieses Buch für die Autorin ist. Katharina Prünte arbeitet als Sucht- und Familientherapeutin in Köln – und beschäftigt sich intensiv mit der Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg. Der Ausgangspunkt ihrer schriftstellerischen Arbeit war zunächst die Geschichte ihrer Großmutter Käthe, die sie im ersten Band „Käthe – Überall ist Fremde“ verarbeitet hat. Käthe hatte im Zweiten Weltkrieg unter anderem eine Massenvergewaltigung erlebt – ein Trauma, das das Leben der gesamten Familie prägte.

Das Schreiben habe für sie eine heilende Wirkung, erklärte die Autorin. Fast alle Figuren ihrer Romane seien nicht fiktiv. Es ist ihr aber schwergefallen, ihre Eltern zu beschreiben. Ihr war es wichtig, dass beide posthum ihr Gesicht wahren können. Zum Abschluss verriet Katharina Prünte noch, dass sie bereits an einem dritten Roman arbeitet. Darin soll erneut das Leben einer starken Frau im Mittelpunkt stehen – diesmal jedoch ganz anders. 

Mit viel Applaus endete ein Abend, der zeigte, wie Literatur und Musik, persönliche Erinnerungen und Zeitgeschichte zusammenwirken können – wieder einmal war Mines Spatzentreff ein lebendiger Ort für Kultur und Begegnung in Wesseling.

LeserReporter/in:

Anita Brandtstäter aus Köln

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