Pöbeleien und Beleidigungen
Die Szene wird angeheizt

„Zugleiter“ Sebastian Karpf mit Plakat und gelber Warnweste in der ersten Reihe. Karpf ist unter anderem auch Mitglied der Prinzengarde in Alt-Hürth. Sehr zum Leidwesen von deren Geschäftsführer Karl Zylajew. „Wir beraten im Vorstand sehr intensiv, wie wir damit umgehen“, sagt Zylajew. Denn Karpf verbreite eindeutig Gedankengut, wie es in der Prinzengarde keinen Platz habe.  | Foto: dru
3Bilder
  • „Zugleiter“ Sebastian Karpf mit Plakat und gelber Warnweste in der ersten Reihe. Karpf ist unter anderem auch Mitglied der Prinzengarde in Alt-Hürth. Sehr zum Leidwesen von deren Geschäftsführer Karl Zylajew. „Wir beraten im Vorstand sehr intensiv, wie wir damit umgehen“, sagt Zylajew. Denn Karpf verbreite eindeutig Gedankengut, wie es in der Prinzengarde keinen Platz habe.
  • Foto: dru

Spätestens seit Mitte Januar ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen Impfgegnern und Corona-Leugnern auf der einen Seite und dem „Rest“ der Bürgerschaft auf der anderen Seite auch auf den Straßen des Rhein-Erft-Kreises angekommen.


„Polizei schützte mehrere Versammlungen im Kreisgebiet - - Ermittlungen wegen mehrerer nicht angemeldeter Demonstrationen aufgenommen.
Die Polizei Rhein-Erft-Kreis hat insgesamt elf Versammlungen in Bergheim, Kerpen (2), Erftstadt (2), Wesseling, Hürth, Frechen, Bedburg, Elsdorf und Pulheim geschützt. Zu nennenswerten Störungen kam es nicht.
Gegenveranstaltungen in Erftstadt und Kerpen unter den Mottos: „Impfen hilft!“ sowie „Mahnwache für die Corona-Toten“, verliefen ohne Zwischenfälle.
Verantwortliche der sechs Versammlungen in Bergheim, Kerpen (2), Erftstadt (2) und Wesseling hatten die Demonstrationen entsprechend den Regelungen des Versammlungsgesetzes bei der Polizei angezeigt.
In Hürth, Frechen, Bedburg, Elsdorf und Pulheim fanden fünf nicht angezeigte Versammlungen statt. Polizeikräfte begleiteten diese. Sie verliefen ebenso störungsfrei. Die Beamten leiteten Ermittlungen wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Versammlungsgesetz ein.“

Jeden Dienstag veröffentlicht die Polizei gleichlautende Meldungen. Lediglich die Orte, an denen nicht angemeldete „Corona-Spaziergänge“ stattfinden, wechseln. Was den Strategiewechsel der Organisatoren verdeutlicht. Die melden ihre Veranstaltung nur noch gezielt in einzelnen Kommunen an, die Organisation in anderen Kommunen erfolgt ausschließlich konspirativ über Messengerdienste, meist über Telegram-Kanäle. Allerdings: Die Polizei liest mit und ist nach eigenen Angaben auch im „engen Austausch mit Sicherheitsbehörden auf Landes- und Bundesbehörde“. Mehr wird aus Gründen des Datenschutzes und aus „ermittlungstaktischen“ Gründen nicht öffentlich gemacht.

Zunehmende Radikalisierung

Schon im November des vergangenen Jahres hatte der Verfassungsschutz vor einer "zunehmenden Radikalisierung der Corona-Leugner" gewarnt. Pöbeleien, Beleidigungen, tätliche Angriffe und ultraaggressives Verhalten gehörten mittlerweile bundesweit zur Tagesordnung. Die vierte Welle der Pandemie sowie „Kommunikationsdefizite und Widersprüche der Politik etwa zu den Booster-Impfungen“ führten dazu, dass sich die Szene bestätigt fühle und „weiter angeheizt“ werde, sagt zum Beispiel Stephan Kramer, Chef des Thüringer Verfassungsschutzes.

„Steckt euch die Maske in den A. sch! Steckt euch den Test in den A.ch!....Merkel in den Knast. Söder in den Knast. Maas in den Knast. Steinmeier in den Knast. Drosten in den Knast....Nehmt keine Versuchskaninchen. Nehmt Politiker.“

So dröhnt es an einem Freitagabend mitten in Lechenich aus dem Ghettobluster. Dahinter laufen mehrere hundert Männer und Frauen Lemmingen gleich hinter dem selbst ernannten Zugführer her. Statt selbst gebastelter Aluhüte auf dem Kopf hängen sich die Impfgegner im Januar 2022 bunte Lichterketten um den Hals und tragen Grablichter vor sich her. Die allermeisten sind keine Erftstädter. Sie kommen aus allen Teilen des Kreises, aus der Eifel, aus Köln - manch bekanntes Gesicht ist auszumachen!

Sven Welter und Stephan Brings auf dem Paul-Räcke-Platz:
Impfen statt schimpfen - Wir sind Hürther zeigen Flagge

Corona-Demo zieht durch Hürth

Ortswechsel: Diesmal haben die Organisatoren nach Hürth gerufen. Und wieder kommen sie aus allen Richtungen angefahren. Haben Plakate mitgebracht, Luftballons, Lichterketten, Megaphone und Musikanlagen. Songs von Helene Fischer oder Marius Müller-Westernhagen scheinen mit leicht geänderten Text ideal zum Mitgröhlen.
Bevor der Protestzug kurz nach 19 Uhr Richtung Krankenhaus loszieht, tritt ein Mann ans Mikro: „Ich bin der Sebastian und heute euer Zugleiter.“ Später sieht man diesen Sebastian in der ersten Reihe. Sebastian Karpf ist Hürther und nach eigenen Angaben „gelernter Versicherungskaufmann und Business Coach“. In Hürth zitiert Karpf an diesem Freitagabend unter anderem den Schweizer Publizisten und Historiker Daniele Ganser, der sich selbst als Friedensforscher sieht. Andere sehen in ihm einen der führenden Köpfe der Verschwörungstheoretiker. So vertritt Ganser etwa die These, der Einsturz des World Trade Center (9/11) sei entweder durch Feuer oder eine Sprengung verursacht worden.

Noch ein zweiter Redner tritt ans Mikro, liest einen vorgefertigten Text vom Handy ab, erzählt von der „Lügenpropaganda des kanadischen Ministerpräsidenten Trudeau“, von der „lächerlichen Berichterstattung der gleichgeschalteten Medien“. Als er ins Mikro schreit, dass die „Corona-Diktatur beendet werden muss“, überschlägt sich seine Stimme. Und überhaupt, Telegram sei ja „wie früher Westfernsehen in der DDR“. Sein  Hinweis auf so einen "Schwachsinn" wie Abstand und Maskenpflicht wird anschließend während des kompletten Demonstrationszuges ignoriert.

Die Demonstranten bleiben auch hier in Hürth weitestgehend unter sich. Nur selten zeigen sich Anwohner hinter ihren Gardinen oder am Fenster. Die Straßen sind um diese Zeit schon menschenleer.

Corona-Leugner und Impfgegner vereinsamen

Wer derzeit an den sogenannten „Corona-Spaziergängen“ teilnimmt, scheint gut vernetzt zu sein. Doch Menschen, die sich radikalisieren, sind nur theoretisch vernetzt, in Wahrheit sind sie allein. Sagt zum Beispiel der ehemalige Chef des NRW-Verfassungsschutzes, Burkhard Freier. In einem aktuellen Beitrag für RND (Redaktionsnetzwerk Deutschland) beschreibt Freier das so: „Sie brechen ihre bisherigen Kontakte ab – zu ihrer Familie, teils sogar zu ihrer Arbeitsstätte. Das befeuert eine regelrechte Abwärtsspirale, die dazu führt, dass diese Menschen sich immer stärker radikalisieren.“

Längst haben die Strippenzieher hinter den sogenannten „Corona-Spaziergängen“ das Spektrum ihrer Betätigungsfelder erweitert. Als etwa in Kusel zwei junge Polizisten getötet wurden herrscht in manchen Telegram-Gruppen von Gegnern der Corona-Maßnahmen nicht Bestürzung – sondern Freude.

Für einem Beitrag für t-online hat Annika Leistner Telegram-Kanäle analysiert:

Zwei weniger bei den Spaziergängen“, schreibt ein Nutzer in der Telegram-Gruppe „Verstehen und Handeln“. Dazu teilt er einen Artikel zu den tödlichen Schüssen bei Kusel. „Zwei Söldner weniger“, freut sich auch ein anderer. Ein Dritter fordert die Einrichtung eines Spendenkontos für den Täter. „Tja, selber Schuld“, schreibt ein weiterer Nutzer.Geteilt und kommentiert werden neben den Corona-Maßnahmen in den einschlägigen Telegram-Gruppen auch Meldungen und Fake News zu anderen Bereichen – zum Beispiel zum Ausbau des 5G-Netzes in Deutschland, zum Aids-Impfstoff und zur Ukrainekrise. In Hürth haben sich Corona-Spaziergänger mit Kanada-Fähnchen dekoriert, manche haben sich gleich komplett darin eingehüllt.

Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer beobachtet die Szene und kommt zu der Erkenntnis: „Sie möchten keine Maske tragen, sie möchten keine Impfung, sie wollen ihren Berufs- und Freizeitalltag selbst bestimmen. Das Pochen auf das Recht des Schutzes des eigenen Körpers ignoriert allerdings den Schutz der fremden Körper....Die Bewegung ist eine individualistische, die eine solidarische Gesellschaft nicht mitdenkt.“ Der Regierung und dem Staat werde die Kompetenz abgesprochen, im gleichen Moment aber werden neuen Autoritäten diese Kompetenzen zugesprochen. Heitmeyer: „In diesem Fall den Stars der vermeintlich Querdenkenden.“ Schon seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich der Soziologe mit dem Phänomen des Rechtspopulismus und dessen Folgen für die Gesellschaft. In den letzten Jahren hat er zudem die Entwicklung der AfD beobachtete und analysiert.

Pöbeleien von allen Seiten

Noch einmal zurück nach Erftstadt. Hier finden seit Wochen immer zwei Demonstrationen gleichzeitig statt. Entsprechend groß ist das Aufgebot an Ordnungskräften in der Stadt. Und - so scheint es - die beiden Gruppen suchen die Auseinandersetzung. Angefangen hatte es Mitte Januar mit der offenen Frage: Wer darf den Platz vor dem historischen Rathaus in Lechenich für sich beanspruchen. Es scheint, als hätten die selbst ernannten „Spaziergänger“ diesen Platz inzwischen aufgegeben. Stattdessen laufen sie über Fuß- und Radwege quer durch ein Wohngebiet am Rand der Lechenicher Innenstadt. Mit der Folge, dass sie hier von den Ordnungskräften nur noch schwer zu kontrollieren sind, wie ein Polizeisprecher auf Nachfrage bestätigt hat.

Umgekehrt reagiert die Gruppe derer, die sich selbst unter anderem gerne als „Geradeausdenker“ bezeichnet auch nicht zimperlich; pöbelt laut und öffentlich gegen einen Journalisten, der die Szenerie beobachtet, kommt mit einem Plakat zur Demo, auf dem Andersdenkende als „Covidioten“ bezeichnet werden und gibt das Thema laut schreiend der Lächerlichkeit preis: „Kamelle“ und „Dreimal Lechenich Alaaf!“

Von dieser Form der Auseinandersetzung hält der ehemalige Hürther Bürgermeister Walther Boecker nichts. Er gehört zu den Organisatoren von „Wir sind Hürther“. Er vermeidet an diesem Abend den direkten Kontakt mit den Corona-Spaziergängern. Die Veranstaltung mit Sven Welter und Stephan Brings wird beendet, bevor sich der Corona-Protestzug auf dem Otto-Räcke-Platz formiert. Zu den Klängen eines Bläck Fööss-Klassikers: „Denn he hällt m‘r zesamme, ejaal wat och passet: In uns‘rem Veedel...!“

Der Verein "Wir sind Hürther" hatte Stephan Brings am Freitag zu einer Kundgebung eingeladen. Seine Meinung zum Thema steckt einem Titel der Band Brings: "Wir werden frei sein, wenn wir uns lieben. Es wird vorbei sein mir all den kriegen...." Kurz vor 19 Uhr wurde diese Veranstaltung beendet, um einen Konflikt mit den Corona-Leugnern und Impfgegner zu vermeiden, wie Mit-Organisator Walther Boecker erklärte. | Foto: dru
  • Der Verein "Wir sind Hürther" hatte Stephan Brings am Freitag zu einer Kundgebung eingeladen. Seine Meinung zum Thema steckt einem Titel der Band Brings: "Wir werden frei sein, wenn wir uns lieben. Es wird vorbei sein mir all den kriegen...." Kurz vor 19 Uhr wurde diese Veranstaltung beendet, um einen Konflikt mit den Corona-Leugnern und Impfgegner zu vermeiden, wie Mit-Organisator Walther Boecker erklärte.
  • Foto: dru
  • hochgeladen von Ulf-Stefan Dahmen
Redakteur/in:

Ulf-Stefan Dahmen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

7 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.