Unverwechselbare Kunst
Metall, Magie und Mietkunst
- Auch der Fußballer aus Metall zeigt Peter Ratz’ Gespür für Bewegung: Mit ausgestrecktem Bein jagt die Figur den Ball symbolisch ins Tor.
- Foto: Arbenita Kosumi/pp/Agentur ProfiPress
Peter Ratz muss nicht viele Worte machen, um aufzufallen. Seine Werke übernehmen das für ihn: überdimensionale Metallfiguren, futuristische Wesen, filigrane Edelstahlskulpturen und die berühmten „Schrotties“, bei denen alte Elektrogeräte plötzlich Gesichter, Beine und Charakter bekommen.
Mechernich-Eiserfey (red). Wer durch Eiserfey fährt, merkt schnell: Hier steht nicht einfach nur ein altes Bürgermeisteramt. Hier lauern Figuren auf Mauern, Wiesen und Dächern. Ein Drachenkopf blickt über den Hof, skurrile Wesen aus Metall bevölkern den Garten, und irgendwo zwischen Edelstahl, Schrott und Fantasie beginnt eine kleine andere Welt.
Ihr Schöpfer ist Peter Ratz. Der Künstler, Konstrukteur, Metallarbeiter und Ideenverwandlungsmeister lebt und arbeitet in der ehemaligen Bürgermeisterei im „Alten Weg“. Was auf den ersten Blick wie ein ungewöhnlicher Hof aussieht, ist längst ein öffentlich sichtbarer Kunstort geworden.
Was früher landwirtschaftliche Nebengebäude waren, ist heute Werkstatt, Showroom und Ideenlabor zugleich. Zwischen Stahlrohren, Kabeln, alten Haushaltsgeräten und Fundstücken entstehen dort Figuren, die mal freundlich, mal grotesk, mal urkomisch und manchmal auch ein wenig unheimlich wirken.
Der Reiter, der alles veränderte
Besonders bekannt wurde Peter Ratz in den 1990er Jahren mit der Künstlergruppe „Die Krauts“, die er gemeinsam mit Martin Jung und Björn Reimers gründete. Ihr wohl spektakulärstes Werk war der „Apokalyptische Reiter“, eine riesige Metallskulptur, die zum Durchbruch der Gruppe wurde.
Beim Frankfurter Museumsuferfest wurde der Reiter zum Publikumsmagneten. Unter der Figur richteten die Künstler sogar eine Bar ein, an der „Drachenblut“ ausgeschenkt wurde. Kurz darauf wollte ein Veranstalter wissen, was das Werk für eine Messe kosten würde. Einer der Künstler nannte spontan einen Betrag von „10.000 Mark“ – zur Überraschung der Gruppe akzeptierte der Interessent den Preis sofort.
Der „Apokalyptische Reiter“ blieb für Peter Ratz jedoch weit mehr als nur ein Verkaufsobjekt. Später wollte ihm ein Interessent die Skulptur für rund 15.000 bis 18.000 Euro abkaufen. Ratz lehnte ab. Seine Begründung: Mit zwei Vermietungen könne er diesen Betrag wieder einspielen. Der Reiter wurde damit nicht nur zum Kunstwerk, sondern auch zum Symbol für den Erfolg der Idee hinter „Art & Rent“.
Aus dieser Geschichte entstand „Art & Rent“. „Die Krauts“ vermieteten ihre monumentalen Kunstobjekte für Messen, Events, Modeschauen und Raves in ganz Europa. Zwischen Lichtshows, Nebelmaschinen und elektronischer Musik passten die großen Metallwesen perfekt in die Rave-Kultur der 1990er Jahre. Es gab Anfragen aus verschiedenen Ländern, sogar aus Japan. In der Frankfurter Zeilgalerie waren die Werke der Gruppe über Jahre hinweg präsent.
Aus Schrott werden Charaktere
Nach dem Ende der Künstlergruppe zog Peter Ratz in die Eifel. Seine Kunst blieb groß, wurde aber zugleich feiner. Heute entstehen bei ihm filigrane Figuren aus Edelstahl, die wirken, als seien sie mit einem einzigen Strich in die Luft gezeichnet. Daneben baut er individuelle Treppen, Geländer, Tische, Lampen und andere Arbeiten aus Metall.
Gerade diese Mischung macht seine Arbeiten so besonders. Peter Ratz verbindet handwerkliches Können mit Fantasie, Humor und einem Blick für Dinge, die andere längst abgeschrieben hätten. Während der Corona-Pandemie entdeckten viele Spaziergänger und Wanderer seine Figuren rund um den Kunsthof. Sie blieben stehen, machten Fotos und staunten darüber, was aus vermeintlichem Müll werden kann.Kunst sei kein leichtes Geschäft, sagt Ratz. Selbst die besten Künstlerinnen und Künstler können nicht davon ausgehen, dass jedes Werk sofort Käufer findet oder jede gute Idee wirtschaftlich funktioniert. Gerade deshalb verbindet Peter Ratz seine freien Kunstobjekte mit handwerklichen Aufträgen wie Treppen, Geländern, Tischen oder Lampen. So bleibt Raum für die großen, verrückten Ideen und gleichzeitig eine solide Grundlage für den Alltag in der Werkstatt.Trotzdem zeigt sein Hof in Eiserfey, wie weit man mit einer guten Idee kommen kann. Aus einem spontan genannten Preis wurde einst ein europaweiter Erfolg, und aus alten Geräten, Stahlresten und Fantasie entstehen bis heute Werke, die man so schnell nicht vergisst. Viele davon können Interessierte nach wie vor nicht nur kaufen, sondern auch für Veranstaltungen, Ausstellungen oder besondere Anlässe mieten.
Redakteur/in:Signe Mai Slomian aus Pulheim |