Der kölsche Panzerknacker
Tresorchirurg bekommt die sichersten und seltenen Schlösser auf

Lars Jelonnek öffnet ganz legal Tresore.  | Foto: Stahl
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Lars Jelonnek ist Herr der Schlösser. Selbst für Disneys Panzerknacker-Bande wäre er ein Gewinn. Zum Glück ist der Kölner Tresorchirurg aber einer von den Guten.

von Angelika Stahl

Wenn der Blick durchs Endoskop sagt: „Geschafft, jetzt geht der Tresor auf“, lächelt Lars Jelonnek zufrieden. Verknackt wird der Metallbaumeister fürs Knacken von Tresorschlössern allerdings nicht. Denn das geschieht ganz legal im Auftrag des jeweiligen Safe-Eigentümers. „Bisher habe ich noch jeden Tresor öffnen können“, sagt Jelonnek stolz.
Was für andere wie Magie aussieht, ist für ihn Präzisionshandwerk, Geduld und jahrelange Erfahrung. Nicht ohne Grund gilt der 56-Jährige als einer der besten Experten für Tresoröffnungen und antike Schließsysteme. Zu seinen Kunden zählen Privatleute, Banken, Museen und sogar die Polizei. „Mein Ziel ist immer, Schloss und Mechanismus unbeschädigt zu öffnen“, erklärt Jelonnek. Gerade bei historischen Tresoren sei das eine besondere Herausforderung. Ein Museum in Graz etwa habe ihn einst um Hilfe gebeten, nachdem beim Transport eines antiken Tresors der Schlüssel verloren gegangen war. Vier Stunden dauerte es, drei Schlösser zu entriegeln. Anschließend fertigte der Kölner einen neuen originalgetreuen Ersatzschlüssel an und lieferte diesen persönlich ab.
Wer ihm bei seiner Arbeit zusieht, merkt schnell: Das ist weit mehr als gewöhnliches Handwerk. Es ist jede Menge Detailwissen über Schlösser, Schließmechanismen und der Reiz am Knobeln. Mit einem Pickwerkzeug, dem sogenannten Hobbschen Haken, der an das Instrument eines Zahnarztes erinnert, tastet sich Jelonnek mit viel Fingerspitzengefühl durch komplizierte Schließzylinder.
Schon als Fünfjähriger haben ihn die vielen Türschlösser in der elterlichen Werkstatt magisch angezogen. „Mein Vater hatte einen Schlüsseldienst und eine Schlosserei. Ich habe immer die Schlüssel sortiert“, erinnert er sich. Irgendwann begann er die Mechanik der Schlösser zu untersuchen. Mit geschicktem Drücken, Schieben und Drehen öffneten sich die Schlösser. Nach der Ausbildung zum Metallbauer legte er 1994 die Meisterprüfung ab. Sein Meisterstück, war ein großes, kunstvoll geschmiedetes, enorm kompliziertes Renaissance-Schloss. 2005 machte er sich mit einer Spezialwerkstatt für Tresoröffnungen selbstständig.

Spezialist für Tresoröffnungen ist kein Ausbildungsberuf.  | Foto: Stahl

Und heute? Da öffnet der Metallbaumeister rund 700 Tresore pro Jahr. Manche davon geben bereits nach 20 Minuten nach, andere erst nach 13 Stunden. Besonders knifflig werde es, wenn der Besitzer bereits selbst versucht hat, das Schloss zu öffnen. „Bei einer Wohnungsauflösung waren gleich drei Schlüsselbärte im Schloss abgebrochen. Alle mussten erst einmal gefunden werden“, sagt Jelonnek, der für eine normale Tresoröffnung 450 bis 500 Euro berechnet.
Sein Werkzeug fertigt er selbst an. Neben Spezialhaken gehören auch Endoskope zu seiner Ausrüstung. „Ich bohre neben dem Schloss ein Loch und kann mir dann durch das Endoskop den Schließmechanismus anschauen.“ Was sich hinter der Tresortür befindet, spielt für den Metallbaumeister keine Rolle. „Mich interessiert nur: „Wie komme ich zerstörungsfrei an den Inhalt?“ Dabei trifft er immer wieder auf ausgeklügelte Sicherungssysteme. Manche Tresore besitzen eine zusätzliche Glasplatte vor dem Schloss, die an einem Draht befestigt ist. Wird die Scheibe beschädigt, werden automatisch Verriegelungen ausgelöst. Dann sind Geduld und Erfahrung gefragt.
Wie viele Schlösser er in seinen Berufsjahren schon geöffnet hat, kann Jelonnek nicht sagen. Seine Werkstatt in Neuehrenfeld gleicht einem kleinen Museum. An den Wänden hängen alte Plakate mit Zeichnungen von Tresorschlosssystemen. In großen Glasrahmen verwahrt er sorgfältig beschildert Schlüssel und Schließzylinder von unterschiedlicher Größe und eine Sammlung von Spezialwerkzeugen. Große und kleine Tresore stehen auf dem Boden oder in den Regalen. Dazwischen findet sich ein überdimensionales Modell eines Schließzylinders. Daran dürfen Besucher üben.
Doch nicht nur das: Der Neuehrenfelder sammelt darüber hinaus historische Tresore aus der Zeit zwischen 1750 bis 1935. Seine Exponate kommen aus Amerika, Frankreich, Holland, Italien und Belgien. Hinter jedem steckt eine Geschichte. „Dieser antike Tresor beispielsweise stammt aus Italien um die Zeit der Medici. Er besitzt zwei Schlösser. Wenn die Herrschaft verreiste, wurde der Schlüssel an einen Bediensteten zur Aufbewahrung übergeben. Da man dem Personal aber nicht traute, hat dieser Tresor ein zweites kleineres Schließsystem, das versteckt unter den Nieten, die den Wertschrank verzieren, an der Tür eingebaut ist. Den Schlüssel dazu hat der Besitzer dann mitgenommen“, erzählt der Tresorspezialist. Und genau solche Raffinessen sind es, die ihn derart faszinieren.

Diese antike Schatulle hat gleich mehrere Verriegelungen. | Foto: Stahl

Denn: Nicht immer gibt es den Schlüssel oder die Kombination zum Öffnen eines Exponats. Ein holländischer Brandkasten um 1850 tarnt sich als Möbelstück. Erst einer der kunstvoll gestalteten Löwenköpfe auf dem Schrank verrät das Geheimnis des Schlosses. Das Besondere an ihm ist sein Inneres. Früher fertigten die Ofenbauer, die im Sommer keine Aufträge hatten, solche Brandkästen an, die auch ganz hübsch in den Häusern aussahen. „In ihnen bewahrten die Bauern ihre Wertsachen auf, um sie vor der Vernichtung durch einen Brand, der bei den reetgedeckten Dächern häufig vorkam, zu schützen“, erklärt Jelonnek, für den klar ist: Diskretion ist in seinem Beruf enorm wichtig. „Meine Kunden möchten nicht, dass man sieht, wer zu ihnen kommt. Daher trägt mein Fahrzeug bewusst keine Werbung.
Doch einen Rat hat er dennoch: Wer seine Wertsachen sicher aufbewahren möchte, sollte nicht am falschen Ende sparen. Modelle unter 800 Euro seien häufig nur ein geringer Schutz. Entscheidend bei der Anschaffung eines Tresors sei zudem die passende Sicherheitsklasse und eine fachgerechte Verankerung, am Besten mit speziellem Verankerungsmörtel. Denn solche Modelle könnten tatsächlich nur von wenigen Spezialisten ohne Weiteres geknackt werden.

Lars Jelonnek öffnet ganz legal Tresore.  | Foto: Stahl
Spezialist für Tresoröffnungen ist kein Ausbildungsberuf.  | Foto: Stahl
Diese antike Schatulle hat gleich mehrere Verriegelungen. | Foto: Stahl
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EXPRESS - Die Woche - Redaktion aus Köln

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