30 Unfälle, 36 Verletzte, zwei Tote
Todesmeile am Rollfeld - die Show geht weiter

Kurz am Gasgriff des Elektro-Motorrades gedreht und schon hebt das Vorderrad ab. Zur Ausstattung des Piloten gehören neben dem T-Shirt auch Badeschlappen. | Foto: Gürlek
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  • Kurz am Gasgriff des Elektro-Motorrades gedreht und schon hebt das Vorderrad ab. Zur Ausstattung des Piloten gehören neben dem T-Shirt auch Badeschlappen.
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An der Alten Kölner Straße, unmittelbar am Flughafen Köln/Bonn, hat sich ein Treffpunkt der Motorradszene etabliert. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene kommen regelmäßig dorthin, um zu fahren – und vor allem um gesehen zu werden. Eigene Aufnahmen zeigen Fahrer, die auf öffentlicher Straße für Kameras posieren: mit Wheelies, Drifts, Burn-outs oder mit hohen Schräglagen in der Kurve. Dabei lassen sie sich gerne fotografieren und filmen.

von Serkan Gürlek

Porz.
Vor der Corona-Pandemie sah man an dieser Stelle unweit der Landebahn des Köln/Bonner Flughafens vereinzelt Menschen, die eine kleine Rast einlegten, oder Interessierte, die landende Flugzeuge beobachteten. Doch heute hat sich das Bild an der Alten Kölner Straße komplett verändert.

Gerade in den Abendstunden vor Sonnenuntergang versammeln sich mehr als 20 Motorradfahrerinnen und -fahrer an der Feuerwehrzufahrt am Flughafen-Zaun. Junge Erwachsene in Autos positionieren sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Kameras und Smartphones werden gezückt und dann wird es wild.

Wer beeindrucken will, reißt am Gashahn

Während die einen zum Wheelie, einer Fahrt auf dem Hinterrad, ansetzen, lassen andere die Motoren ihrer Sportmotorräder warmlaufen. Denn wenig später wird die etwa 450 Meter lange Gerade zur Sprintstrecke. Wenn die Gänge bis in den Begrenzer ausgedreht werden, lassen sich beeindruckende Geschwindigkeiten erreichen. Ein sehr spät gewählter Bremspunkt vor der Kurve und schon steigt der Zuspruch bei den Zuschauern. Dabei spielt es für die Hobby-Piloten keine Rolle, ob Gegenverkehr kommt oder Radfahrer rasiermesserscharf überholt werden.

Die Film- und Fotocrew macht sich bereit für den nächsten Poser. Die Kameras und Smartphones laufen an guten Tagen bis in die Dämmerung heiß. | Foto: Gürlek
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Strecke ist auch bei Fahrradfahrern beliebt

Davon gibt es auf der Strecke etliche. Neben einzelnen Velo-Fahrern sind auch regelmäßig Radsportgruppen mit über 30 Teilnehmern im Pulk dort unterwegs.
Szenekennern zufolge werden oft Späher vorausgeschickt, um nach Polizei und Tempokontrollen Ausschau zu halten. Tauchen Beamte überraschend auf, löst sich die Gruppe demnach zügig auf. Das deckt sich mit eigenen Beobachtungen: Hält man in Sichtweite der Gruppe an, dauert es nur wenige Augenblicke, bis die ersten Jung-Biker eine inspizierende Runde drehen. Ein prüfender Blick, ein misstrauisches Nicken und es geht zurück zur Gruppe. Besteht der unbekannte Beobachter den Test, geht die Show auf der öffentlichen Straße weiter. So reißt der Fahrer des Sportmotorrades zum 15. Turn den Gashahn auf und die Jungs auf den Enduro-Maschinen zeigen, wie man Hunderte Meter auf dem Hinterrad zurücklegen kann. Ein anderer rollt ein Motorradgerippe aus seinem Handwerker-Fahrzeug, das er in der Nähe geparkt hat. Sein Zweirad ist auf das Nötigste abgespeckt, kein Licht, keine Verkleidung – keine Zulassung. Wenige Tage später holt ein anderer Motorrad-Enthusiast ein Pocketbike aus dem Kofferraum seines Kombis und fährt damit die Todesmeile im Schutze der Dunkelheit ab. Für Außenstehende sieht ein Pocketbike aus, wie ein zu heiß gewaschenes Supersport-Motorrad in Kindergröße, angetrieben von einem Kettensägenmotor, ohne Licht und Reflektoren. Nie für eine Fahrt auf öffentlichen Straßen gedacht.

Publikum und Piloten versammeln sich an der Feuerwehrzufahrt der Landebahn des Flughafens Köln/Bonn. Die Spuren auf dem Boden zeugen von Burn-outs, bei denen sich durchdrehende Reifen in Rauch auflösen. | Foto: Gürlek
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Locker, lässig und vor allem leichtsinnig

Die eigene Gesundheit spielt bei fast allen Teilnehmern offensichtlich keine Rolle, denn die „Schutzkleidung“ besteht allzu oft aus T-Shirt, Jogginghose und Badeschlappen. Schließlich ist das Wetter warm, da sind Handschuhe, Motorradjacke oder Protektoren, die vor ernsten Verletzungen schützen könnten, nur störend.
Der Polizei Köln ist der Bereich als Treffpunkt der Zweiradszene bekannt. Die Aktivitäten würden fortlaufend auf Verkehrsverstöße überprüft, heißt es. Seit dem 1. Januar 2020 wurden dort 30 aktenkundige Verkehrsunfälle mit Motorradbeteiligung registriert. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, 17 wurden schwer und 19 leicht verletzt. Wie die Behörde mitteilt, sind in dieser Statistik nur abgeschlossene und der Polizei gemeldete Fälle enthalten. Durchaus denkbar, dass es eine Dunkelziffer gibt, bei der Beteiligte Unfälle mit eigenen Mitteln räumen und Verletzte selbst ins Krankenhaus bringen. Wer nicht regelkonform unterwegs ist, wird dies nur ungern vor der Polizei preisgeben möchten.

Überhöhtes Tempo, kein Führerschein

Als Ursachen nennt die Polizei unter anderem überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit, riskantes Überholen, zu geringen Abstand, Vorfahrts- und Abbiegefehler, Fehler beim Einfahren in den Verkehr, Ablenkung sowie andere Fehler von Fahrzeugführern.

Zwischen Anfang 2020 und dem 10. Juli 2026 wurden außerdem 34 Straftaten mit Verkehrsbezug angezeigt, darunter Fahren ohne Fahrerlaubnis (9), Gefährdung des Straßenverkehrs (5), Nötigung im Straßenverkehr (4) und zwei verbotene Kraftfahrzeugrennen. Die Kölner Beamten setzen auf wiederkehrende Geschwindigkeitsmessungen, Kontrollen und Prävention. Der letzte Schwerpunkteinsatz fand am 20. Juni 2026 statt. Dort wurden auch die Überreste eines der verunfallten Motorräder vom tödlichen Zusammenstoß 2025 präsentiert. Bleibt die Frage, ob man eine intern gut vernetzte Szene so erreicht.
Nach Unfällen stellt die Polizei regelmäßig Mobiltelefone und Actionkameras sicher. So werde geprüft, ob riskante Manöver oder hohe Geschwindigkeiten für soziale Netzwerke inszeniert wurden. Bei einem Anfangsverdacht auf ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen werde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Keine Beleuchtung, kein Kennzeichen? Kein Problem! Für den Ritt auf der Todesmeile scheinen Gesetze den Charakter einer Empfehlung zu haben.  | Foto: Gürlek
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Behörden beraten sich seit November 2023

Auch die Unfallkommission beschäftigt sich seit November 2023 mit der Alten Kölner Straße. In dem Gremium sitzen unter anderem Vertreter der Straßenverkehrsbehörde und der Polizei. Zuletzt stand der Abschnitt am 22. April 2026 auf der Tagesordnung.

Die bislang konkret benannte Reaktion: In der Kurve sollen Kurvenleittafeln und durchgezogene Linien angebracht werden, um Überholen vor der Kurve zu unterbinden. Die Umsetzung soll im August abgeschlossen sein. Einen konkreten Stufenplan für weitere Maßnahmen – etwa zusätzliche Beschränkungen, zeitweise Sperrungen, Schwellen oder einen Umbau – nennt die Stadt nicht. Bei Bedarf könne nachgesteuert werden, heißt es auf Nachfrage dieser Zeitung aus der städtischen Pressestelle. Offensichtlich stellen 30 Unfälle mit zwei Toten und 36 teils Schwerstverletzten keinen ausreichenden Bedarf dar.

Dabei fehlt es an Regeln auf der Alten Kölner Straße gewiss nicht: Es gilt Tempo 80, auf Teilabschnitten Tempo 60. Vorschriften zu den Themen Abstand, Überholen und sicherer Fahrzeugführung sind unabhängig von der Örtlichkeit ebenfalls in der Straßenverkehrsordnung niedergeschrieben.
Nach den vorliegenden Beobachtungen missachtet ein Teil der Szene vorhandene Vorschriften bewusst und lässt Kontrollen gezielt ins Leere laufen. Wie dann einfache Kurvenleittafeln und neue Fahrbahnmarkierungen die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer auf dieser Strecke sicherstellen sollen, bleibt abzuwarten.

Das „Show-Bike“ wird nach der Fahrt über die öffentliche Straße, wieder im Transporter verschwinden. | Foto: Gürlek
  • Das „Show-Bike“ wird nach der Fahrt über die öffentliche Straße, wieder im Transporter verschwinden.
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Im Zuge der Recherchen für diesen Artikel wurde plötzlich das absolute Halteverbot vor der Feuerwehrzufahrt, also dem Zuschauer- und Parkplatz an der Todesmeile, in großen Lettern auf den Asphalt gesprüht. Der Urheber des Schriftzuges konnte nicht abschließend ausfindig gemacht werden, jedoch sorgte dieser dafür, dass sich die Szene kurzzeitig wenige Hunderte Meter weiter vor der Zufahrt zur Wetterwarte versammelte.

Kurz am Gasgriff des Elektro-Motorrades gedreht und schon hebt das Vorderrad ab. Zur Ausstattung des Piloten gehören neben dem T-Shirt auch Badeschlappen. | Foto: Gürlek
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Publikum und Piloten versammeln sich an der Feuerwehrzufahrt der Landebahn des Flughafens Köln/Bonn. Die Spuren auf dem Boden zeugen von Burn-outs, bei denen sich durchdrehende Reifen in Rauch auflösen. | Foto: Gürlek
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Das „Show-Bike“ wird nach der Fahrt über die öffentliche Straße, wieder im Transporter verschwinden. | Foto: Gürlek
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