Jeder Meter ist ein Sieg
Das NiB bewegt Menschen, die oft übersehen werden

Freude, Erleichterung und vor allen Dingen Stolz: Die Teilnehmenden des Wing for Life-Events, dass das NiB-Team im Stadion des ASV für seine Patientinnen und Patienten organisiert hatte. | Foto: Victor Rubow
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  • Freude, Erleichterung und vor allen Dingen Stolz: Die Teilnehmenden des Wing for Life-Events, dass das NiB-Team im Stadion des ASV für seine Patientinnen und Patienten organisiert hatte.
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KÖLN. Es sind keine Profisportler, die an diesem Sonntagmittag im Stadion des ASV Köln auf die rote Tartanbahn rollen, gehen oder sich Schritt für Schritt vorwärtskämpfen. Keine Kamerateams begleiten sie, keine Sponsorenlogos blinken auf gigantischen Werbebanden, keine Moderatorin ruft ihre Namen ins Mikrofon. Und doch sind genau diese Menschen die eigentlichen Helden dieses Tages.

„Gemeinsam laufen, rollen und gehen wir für die, die es nicht können“ – unter diesem Motto hat das Neurologische Interdisziplinäre Behandlungszentrum, kurz NiB, sein eigenes Event rund um den weltweiten Wings for Life Run organisiert. Nicht als offizieller Teil der großen Laufveranstaltungen in München, Köln oder anderen Metropolen. Sondern ganz bewusst als eigene Bühne für Menschen, deren Alltag oft von Krankheit, Schmerz, Rückschlägen und Therapie geprägt ist.

Rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind an diesem Nachmittag in Müngersdorf dabei. Menschen mit Multipler Sklerose, nach Schlaganfällen oder schweren Unfällen. Menschen im Rollstuhl. Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Begleitet von Familien, Freunden – und vor allem von den Therapeutinnen und Therapeuten des NiB, die diesen Tag mit spürbarer Hingabe vorbereitet haben.

Freunde, Familien, Bekannte haben motivierende Transparente gebastelt und mitgebracht. | Foto: dru
  • Freunde, Familien, Bekannte haben motivierende Transparente gebastelt und mitgebracht.
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Es geht um Mut und es geht um Würde

Schon vor dem Start liegt eine besondere Stimmung über dem Stadion. Handgemalte Schilder stehen am Rand der Laufbahn. „Rollis on Tour“ ist darauf zu lesen. Daneben: „Du kannst mehr, als du denkst!“ Immer wieder brandet Applaus auf. Menschen umarmen sich, feuern sich an, lachen, kämpfen. Wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Zeiten oder Platzierungen. Hier geht es um Mut. Um Würde. Und um das Gefühl, trotz aller Einschränkungen Teil von etwas Großem zu sein.

Tanja ist 54 Jahre alt. Vor 26 Jahren wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert. Eine Krankheit, die ihr Leben verändert hat – und die ihr das Laufen zunehmend schwer macht. Trotzdem steht sie an diesem Tag mit ihrer Startnummer auf der Bahn.

„Selbstbewusst bin ich beim Wings for Life World Run an den Start gegangen – trotz Beeinträchtigung“, erzählt sie später. Eigentlich hatte sie sich drei Stadionrunden vorgenommen. „Am Ende habe ich tatsächlich vier geschafft. Dieser Moment macht unglaublich stolz.“

Man spürt sofort, wie viel ihr dieser Tag bedeutet. Nicht nur wegen der sportlichen Leistung. Sondern wegen der Atmosphäre.

„Die Therapeuten, Helfer und Zuschauer feuern einen an und tragen einen förmlich mit“, sagt sie. „Es ist unfassbar, was wir Menschen mit Handicap leisten können, wenn wir gemeinsam antreten und uns gegenseitig motivieren.“

Vier Runden auf der Tartanbahn im ASV-Stadion - 1.600 Meter: Für Tanja, die seit 26 Jahren unter Multipler Sklerose leidet ist diese Leistung nur dank des Trainings und es unermüdlichen Einsatzes der Therapeutinnen und Therapeuten im NiB möglich.
Kleiner Exkurs: Krankenkassen machen sich bei der Unterstützung dieser Therapien oftmals einen "schlanken Fuß" und finanzieren - wenn überhaupt - nur das Minimum. Aber das ist eine eigene Geschichte.... | Foto: dru
  • Vier Runden auf der Tartanbahn im ASV-Stadion - 1.600 Meter: Für Tanja, die seit 26 Jahren unter Multipler Sklerose leidet ist diese Leistung nur dank des Trainings und es unermüdlichen Einsatzes der Therapeutinnen und Therapeuten im NiB möglich.
    Kleiner Exkurs: Krankenkassen machen sich bei der Unterstützung dieser Therapien oftmals einen "schlanken Fuß" und finanzieren - wenn überhaupt - nur das Minimum. Aber das ist eine eigene Geschichte....
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Jeder Tag ein Kampf gegen Grenzen

Am Ende fließen Tränen. Freudentränen. Tränen des Stolzes. Vielleicht auch der Erleichterung. Denn viele der Teilnehmer kämpfen nicht nur heute gegen Erschöpfung und Grenzen – sondern jeden einzelnen Tag.

Besonders bewegend wird es, als Aaron auf die Bahn geht. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Beim Training mit einem sogenannten Exoskelett schafft man normalerweise rund 150 Meter pro Einheit. Aaron läuft an diesem Tag 400 Meter. Eine komplette Stadionrunde.

Schritt für Schritt. Langsam. Kraftvoll. Unter dem Jubel der Menschen am Rand.

„Der Wings for Life Run mit dem NiB war eine super Erfahrung, die ich gerne nächstes Jahr wiederhole“, sagt er später erschöpft, aber glücklich. „Das Wetter war gut, die Stimmung noch besser. Es war ein großes Miteinander. Jeder hat jeden unterstützt und angefeuert.“

Nach dem Lauf sitzen viele noch zusammen, essen Würstchen vom Grill, trinken gemeinsam etwas, tauschen Geschichten aus. Neue Kontakte entstehen. Freundschaften vielleicht auch.

Dass dieser Tag überhaupt möglich wird, liegt vor allem am Team des NiB Köln. Wochenlang haben die Mitarbeitenden geplant, organisiert und vorbereitet. Mit einer Empathie, die an diesem Tag überall zu spüren ist.

Menschen, die niemals aufgeben

Ray ist ein Hüne, aber inzwischen ist der ehemalige Basketballer an den Rollstuhl gefesselt. Jeder Meter, den er mit Hilfe der NiB-Therapeuten auf eigenen Beinen schafft, ist für ihn ein Sieg | Foto: dru
  • Ray ist ein Hüne, aber inzwischen ist der ehemalige Basketballer an den Rollstuhl gefesselt. Jeder Meter, den er mit Hilfe der NiB-Therapeuten auf eigenen Beinen schafft, ist für ihn ein Sieg
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Julian Breuer, Standortleiter des NiB, wirkt am Ende selbst bewegt. „Wir als Team stecken sehr viel Zeit und Kraft in die Vorbereitung dieses Events“, sagt er. „Wenn man dann beim Zieleinlauf die Patienten mit ihren Familien und Therapeuten sieht, wie sie sich gegenseitig abklatschen, umarmen und Freudentränen vergießen, dann sind das die Momente, die uns mit Stolz erfüllen.“

Breuer spricht nicht wie ein Organisator. Sondern wie jemand, der jede einzelne Geschichte kennt. Und tatsächlich erzählt an diesem Tag jeder Teilnehmer seine eigene Geschichte. Geschichten von Rückschlägen, Schmerzen, Therapieerfolgen und kleinen Wundern.

„Jeder Teilnehmer hat einen langen Weg des Trainings hinter sich“, sagt Breuer. „Es ist einfach großartig, dass diese Menschen hier eine Bühne bekommen, um über sich hinauszuwachsen und ihre Leistungen sichtbar zu machen.“

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt dieses Tages: Sichtbarkeit.

Denn während gleichzeitig Zehntausende Fußballfans ins RheinEnergie-Stadion strömen, findet dieses emotionale Event nur wenige hundert Meter entfernt nahezu unbeachtet statt. Dabei wäre genau hier mehr Aufmerksamkeit dringend nötig.

Denn die Empathie, die an diesem Nachmittag auf der Laufbahn des ASV Köln zu spüren ist, wirkt ehrlicher und berührender als viele große Sportinszenierungen. Hier zählt nicht, wann das virtuelle Catcher Car jemanden einholt. Hier ist jeder Meter ein persönlicher Sieg.

Der weltweite Wings for Life World Run sammelt seit 2014 Spenden für die Rückenmarksforschung. Mehr als 70 Millionen Euro kamen inzwischen zusammen. Weltweit liefen 2026 über 346.000 Menschen mit. Doch während international Rekorde und Kilometerzahlen im Mittelpunkt stehen, zeigt das NiB Köln, worum es eigentlich geht: Hoffnung. Gemeinschaft. Und das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Als die letzten Teilnehmer die Bahn verlassen, ist die Anstrengung vielen anzusehen. Aber noch stärker ist etwas anderes: Stolz.

Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass Inklusion nicht bei politischen Sonntagsreden beginnt. Sondern genau hier. Auf einer roten Laufbahn in Köln-Müngersdorf. Mit Menschen, die niemals aufgeben.

Freude, Erleichterung und vor allen Dingen Stolz: Die Teilnehmenden des Wing for Life-Events, dass das NiB-Team im Stadion des ASV für seine Patientinnen und Patienten organisiert hatte. | Foto: Victor Rubow
Ray ist ein Hüne, aber inzwischen ist der ehemalige Basketballer an den Rollstuhl gefesselt. Jeder Meter, den er mit Hilfe der NiB-Therapeuten auf eigenen Beinen schafft, ist für ihn ein Sieg | Foto: dru
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Vier Runden auf der Tartanbahn im ASV-Stadion - 1.600 Meter: Für Tanja, die seit 26 Jahren unter Multipler Sklerose leidet ist diese Leistung nur dank des Trainings und es unermüdlichen Einsatzes der Therapeutinnen und Therapeuten im NiB möglich.
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Ulf-Stefan Dahmen

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