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Akkordeonale 2026 in Kerpen
Ein Festival voller Klangfarben und Emotionen mit Abschiedsstimmung

Zum Abschluss spielte das Ensemble der Akkordeonale 2026 als zweite Zugabe "La Passerella di Addio", die bekannte Filmmusik von Nino Rota, angeführt von Maurizio Minardi.  | Foto: Anita Brandtstäter
  • Zum Abschluss spielte das Ensemble der Akkordeonale 2026 als zweite Zugabe "La Passerella di Addio", die bekannte Filmmusik von Nino Rota, angeführt von Maurizio Minardi.
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Kerpen/Wesseling. Mit ihrem fünften Konzert machte die Akkordeonale Station in der Jahnhalle Kerpen – dieses internationale Festival ist seit 18 Jahren eine feste Größe in der Szene. Seit 2009 ist die Akkordeonale auch regelmäßig in Kerpen zu Gast. Entsprechend herzlich fiel die Begrüßung durch Birgit Immisch vom Amt für Sport, Bäder und Kultur der Kolpingstadt aus, verbunden mit großem Dank an Initiator Servais Haanen und Tourmanagerin Kristine Talamo-Spiegel. Es ist ihre Abschiedstournee.

Wie gewohnt eröffnete ein Ensemblestück den Abend: „Ein volles Herz“, eine Komposition von Servais Haanen, die programmatisch für das stand, was folgen sollte. Mit seiner unverwechselbar humorvollen, charmanten Moderation führte Haanen durch das Programm und stellte „seine“ Musiker vor – eine Auswahl von Lieblingskünstlerinnen und -künstlern. Bis auf den Begleitmusiker Diogo Picão aus Portugal waren alle bereits Teil früherer Tourneen. Den ersten solistischen Akzent setzte Adriana De Los Santos aus Brasilien, sie war 2014 dabei. Mit beeindruckender Bühnenpräsenz spielte sie im Stehen auf ihrem kleinen Knopfakkordeon ihre Komposition „Vaneira para Borges“ – ein kraftvoller Tanz aus der Gaucho-Tradition Südbrasiliens, in der sie sich seit über zwei Jahrzehnten als Frau behauptet.

Dimos Vougioukas brachte mit seinem Bandoneon eine zusätzliche Klangfarbe ins Ensemble. Erst seit rund zehn Jahren spielt er dieses Instrument, er ist aber schon seit vielen Jahren mit dem Akkordeon auf griechische und Balkanmusik spezialisiert und war 2018 mit auf Tour. Sein Vortrag von „Agapi Mouphaedra“ von Mikis Theodorakis – einem lyrischen Vorläufer des Rebetiko  – bestach durch Tiefe und Ausdruck. Attacca ging er in das traditionelle „Sirtos Potamos“ über, begleitet von Johanna Stein am Cello, die seit vielen Jahren als stilistisch offene Grenzgängerin die Akkordeonale bereichert. Einen besonderen Moment gestaltete das Duo von Johanna Stein mit der französischen, klassisch ausgebildeten Akkordeonistin Zabou Guérin. Die beiden hatten sich 2023 im Rahmen der Akkordeonale kennengelernt – und unmittelbar eine musikalische Verbindung gefunden. Mit „Crunchy Nut“, einer humorvollen Eigenkomposition von Johanna Stein mit Gesangseinlagen und überraschenden Wendungen, bewiesen sie eindrucksvoll ihre kreative Zusammenarbeit.

Neuzugang Diogo Picão aus Lissabon erweiterte das Klangspektrum um Sopran-Saxophon und Gesang. Als studierter Saxophonist und Liedermacher präsentierte er „Ter pressa é não saber chegar“ mit einem Text von Fernando Pessoa – poetisch und musikalisch fein verwoben mit der Begleitung von Maurizio Minardi und Dimos Vougioukas. Auf Deutsch: "Eile zu haben bedeutet nicht ankommen zu können." Maurizio Minardi, gebürtiger Italiener mit Wahlheimat Paris und Teilnehmer der Tour 2016, zeigte mit seinem instrumentalen Liebeslied „Anastasia“ seine besondere Handschrift: eine Mischung aus minimalistischer Klassik, Jazz, Folk sowie Einflüssen von Tango und Rumba. Unterstützt von Diogo Vougiuoukas, Johanna Stein und Servais Haanen an der Trommel entstand ein intimer, dichter Klangraum.

Zabou Guérin setzte mit „Boîte à Rythme“ – einem anspruchsvollen Werk ihres Lehrers Franck Anglis – einen technischen und musikalischen Höhepunkt. Mit ihrem C-Griff-Akkordeon meisterte sie sowohl die vielschichtige Melodieführung als auch ungerade Taktarten wie 7/8 und 13/8 und demonstrierte eindrucksvoll die Möglichkeiten eines Konverter-Akkordeons, das sowohl mit Standardbass begleiten als auch mit Melodiebass weitere Melodien spielen kann. Den Abschluss der ersten Hälfte bildete das Ensemble mit „Titirili“, eine weiteres Werk Haanens - der Titel ohne besondere Bedeutung hatte es dem Komponisten angetan. .

Nach der Pause eröffnete Dimos Vougioukas mit „Shine of Platanus“ die zweite Programmhälfte – lyrisch und ruhig. Es folgte erneut temperameentvolle Musik aus dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens Rio Grande do Sul: Bei „Hospitaleira Vacaria“ musizierten Adriana de los Santos und Johanna Stein beide im Stehen und zelebrierten sichtbar ihre Spielfreude.

Das Duo Guérin/Stein kehrte mit „Bulldozer“ zurück – einer energiegeladenen Mazurka von Zabou Guérin mit Einflüssen Neuer Musik und volkstümlichen Elementen, inklusive rhythmischem Fußstampfen der barfüßigen Akkordeonistin. Servais Haanen griff als Sänger zum Mikrofon und präsentierte den französischen Hit „Kilimandjaro“ von Pascal Danel und Michel Delancray aus dem Jahre 1966, begleitet von einer kleinen Combo mit Maurizio Minardi, Johanna Stein und Zabou Guérin. In der Anmoderation erinnerte er an Urlaube an der belgischen Küste mit seinen Eltern, an Erlebnisse mit dem "von den Katholiken erfundenen" Fegefeuer und in einem Laden mit 2nd-Hand Platten.

Es folgte der traditionelle griechische Tanz „Servikaki alaniko“, den Dimos Vougioukas eingebracht hat. Die Musik kommt nicht nur in Konstantinopel an, das Begleitensemble von Adriana de los Santos, Servais Haanen und Diogo Picão nahm das Publikum in Kerpen sofort mit. Mit „La Brume“ zeigte Minardi erneut seine lyrische Seite, bevor Zabou Guérins Ensemble-Komposition für die Akkordeonale 2026 mit dem Titel „Résilience“ als vielschichtige, in Phasen gewachsene Komposition einen reflektierten Gegenpol setzte. "Widerstandsfähigkeit ist in der heutigen Zeit wichtig," meinte Servais Haanen in der Anmoderation. Zum Finale wurde es noch einmal ausgelassen: „Feira de Mangaio“ von Sivuca brachte das Ensemble – inklusive Gesang Text von Glorinha Gadelha – in Hochform. Die abschließende Vorstellung der Musiker durch Servais Haanen mündete in einen besonders bewegenden Moment, als Kristine Talamo-Spiegel auf die Bühne kam und „ihren“ Servais vorstellte und sich dann mit den Worten „Ohne Euch gäbe es uns nicht“ direkt an das Publikum wandte.

Nach rund 150 Minuten reagierte das Publikum mit stehenden Ovationen – und bekam wie immer zwei Zugaben: zunächst ein Solo von Servais Haanen mit „Menina os olhos verdes“, diese Liebeserklärung hat er vor 26 Jahren für Kristine mit den grünen Augen geschrieben, und schließlich „La Passerella di Addio“ von Nino Rota – die Titelmusik aus Fellinis Oscar-prämierten Film „Achteinhalb“ – als gemeinsamer Schlusspunkt unter Führung von Maurizio Minardi .

Die Akkordeonale 2026 zeigte sich in Kerpen als musikalisches Kaleidoskop: abwechslungsreich, hochkarätig besetzt und dramaturgisch klug aufgebaut. Kein Moment wirkte beliebig, jede Kombination brachte etwas Neues mit. Zugleich lag über allem eine leise Melancholie – das Bewusstsein, dass mit dieser Tour eine Ära zu Ende geht. Ab 2027 übernimmt Alex Almeida die künstlerische Leitung – ein Musiker aus Südbrasilien mit Wurzeln in Forró, Jazz und Rock, ausgebildet am Hohner-Konservatorium in Trossingen. Man darf gespannt sein, wie sich das Festival unter seiner Leitung weiterentwickelt. Die Akkordeonale 2026 endet am 12. Mai in Ulm - wie immer mit internationaler Begegnung, stilistischer Vielfalt und den unerschöpflichen Möglichkeiten eines oft unterschätzten Instruments.

LeserReporter/in:

Anita Brandtstäter aus Köln

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