Ein Kapitel geht zu Ende
Abschied von der „Lebens-Art“
- v.li.: Am Sonntag, den 27. September ab 14 Uhr, verabschieden sich Martina Semmler (Mitte) und Corinna Latz (re.) mit Kuchen und Sekt.
- Foto: Schmidt
Windeck. Wohlwollend gemeinte Unkenrufe aus dem privaten Umfeld bildeten vor 25 Jahren die „Begleitmusik“, als Martina Semmler und Frank Schrötter sich entschlossen, ohne Vorkenntnisse etwas Schönes zu erschaffen. Dafür kauften sie die ehemalige Bäckerei Lenz an der Waldbröler Straße 9 in Windeck-Schladern. Sie wollten im Dorf etwas fürs Dorf tun. Im Juni 2001 eröffneten sie ihr Geschäft „Lebens-Art“, angefüllt mit schönen Dingen. Hier sollte Jung und Alt etwas für sich finden. „Vom ersten Tag bis heute sind die Kunden gekommen und uns treu geblieben“, bedanken sich nun Martina Semmler und Corinna Latz, die 2016 als Geschäftspartnerin eingestiegen ist. Am Sonntag, 27. September, endet das Kapitel „Lebens-Art“.
„Seit Wilhelm Lenz das Haus 1889 gebaut hatte, war die Bäckerei immer ein Haus der Begegnung. Die alte Bronzebrezel hängt noch an der Tür zum Laden“, ist Martina Semmler froh, dass sie mit Daniela Schulze und ihrem Mann Jörg Riederer Käufer gefunden hat, deren Pläne dem Haus zwar eine neue Bestimmung geben, es aber als Ort der Begegnung erhalten bleibt.
Vor einem Vierteljahrhundert lag das Geschäftsleben im Ort fast vollständig am Boden. „Wir setzen einen Brunnen in die Wüste“, vertraute Frank Schrötter dennoch auf die gemeinsamen Fähigkeiten. Er war Zimmermann, Martina Semmler Sozialpädagogin. „Ich habe nie zuvor einen Mann mit so viel Sinn für Schönheit getroffen, wir haben uns unglaublich gut ergänzt“, erzählt sie. „Frank konnte groß denken und mit seinen Handwerkerhänden viel filigraner arbeiten als ich.“
Sie verkaufen aufgearbeitete Möbel, Geschirr, Dekorationen, Kleidung, Schmuck, Weine und mehr. Vor dem Geschäft erblüht bald wöchentlich ein neues Blumen- und Pflanzenmeer als Hingucker. Aus diesem Grund darf sonntags für einige Stunden geöffnet werden. Die Kunden spüren die Liebe und das Herzblut und kommen bald auch von weit her. Lebens-Art entwickelt sich schnell zum Magneten. Schrötter baut einige Jahre später einen Pavillon im Stil der 1950er Jahre an. Dort zieht Eis Thomas ein, auch die gemütliche Terrasse ist stets gut besucht. In der Zwischenzeit heiraten Schrötter und Semmler und bauen ein zweites Unternehmen auf. Sie kaufen einen Zirkuswagen und nach und nach Häuser, die sie sanieren und als Ferienhäuser vermieten. Die Arbeit wird so umfangreich, dass Schrötter sich 2016 aus dem Geschäft zurückzieht und sich auf die Häuser konzentriert.
Corinna Latz gehört zum Team und steigt später als Teilhaberin ein. Freundlichkeit, Herzenswärme, passende Mitarbeiter und großes Vertrauen in die Ehrlichkeit der Kundschaft sind die Zutaten für einen blühenden Ort im Ort. Lebens-Art wird vielen fehlen und in Erinnerung bleiben. Weihnachten war nirgends schöner geschmückt als bei Martina und Corinna.
Vor vier Jahren ist Frank Schrötter nach langer, schwerer Erkrankung verstorben. „Ich bin jetzt 65 Jahre alt und möchte kürzertreten und mich auf die Ferienhäuser konzentrieren“, so Martina Semmler. Mit ihrer Geschäftspartnerin hat sie sich beraten, beide kamen zu dem Entschluss, das Geschäft mit dem Verkauf des Hauses nicht weiterzuführen. „Es ist ein unglaubliches Glück, das zu machen, was man machen möchte und jeden Tag gerne zur Arbeit zu gehen“, bedanken sie sich bei ihrem treuen Team und den Kunden. Corinna Latz hat bereits eine neue Stelle angetreten.
Die neue Eigentümerin, die Psychotherapeutin Daniela Schulze, hat in der Kaiserstraße in Waldbröl ihre Praxis. Seit Jahren sucht sie nach neuen Wegen, die ihr und ihren Klienten mehr Entwicklungsraum bieten. „Was die Kasse übernimmt, entfernt sich immer weiter von der mentalen Gesundheit weg. Mein Ziel ist es, Menschen so weit zu begleiten, dass sie selbst ihre Konflikte lösen können. Ich werde eine zweite Praxis in der alten Bäckerei eröffnen“, stellt sie ihre vorläufigen Pläne vor.
Das Haus bietet auf drei Etagen 270 Quadratmeter Wohnfläche, eine große Terrasse, einen schönen Garten und eine gute Bahnanbindung. Die einstige Backstube im hinteren Teil soll zu einem großen Gruppenraum werden, in dem sie selbst und auch andere Seminare und Workshops anbieten können. Mit ihrem Mann Jörg Riederer, der eine Hausarztpraxis in Waldbröl hat, entwickelt sie derzeit die passende Nutzung der weiteren Räume. „Das Leben an sich ist schon eine Hausnummer, deshalb liegt mir ein niedrigschwelliges Angebot am Herzen. Nach Lebens-Art möchte ich die Frage in den Mittelpunkt stellen: Was ist Lebens-Wert?“
Freie/r Redaktionsmitarbeiter/in:Sylvia Schmidt aus Windeck |