Früherer ARD-Moskaukorrespondent
„Putin braucht was, das nach Sieg aussieht“

Udo Lielischkies in seiner alten Heimat: „Am 9. Mai ist »Den‘ Pobedy«, der Tag des großen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gegen den Faschismus, und bis dahin muss Putin irgendetwas vorweisen, das nach Sieg aussieht.“
  • Udo Lielischkies in seiner alten Heimat: „Am 9. Mai ist »Den‘ Pobedy«, der Tag des großen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gegen den Faschismus, und bis dahin muss Putin irgendetwas vorweisen, das nach Sieg aussieht.“
  • Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Es waren keine sehr hoffnungsfrohen Aussichten, die der aus der Stadt Mechernich stammende Fernsehjournalist und Buchautor („Im Schatten des Kreml“) Udo Lielischkies (*1953) am Mittwochabend an seiner früheren Schule, dem Gymnasium am Turmhof, verbreitete: „Am 9. Mai ist ‚Den‘ Pobedy‘, der Tag des großen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gegen den Faschismus, und bis dahin muss Putin irgendetwas vorweisen, das nach Sieg aussieht.“

Mechernich (red). Notfalls auch mit dem Einsatz von biologischen, chemischen oder taktischen Atomwaffen, so der langjährige ARD-Brüssel-, Washington- und Moskau-Korrespondent, der in Köln geboren wurde, in Kommern-Süd aufwuchs und in Mechernich aufs städtische Gymnasium ging.

An einen nuklearen Overkill glaubt der heute mit seiner Familie in Brühl lebende pensionierte Fernsehmann und Autor allerdings nicht: „Das Spiel heißt Abschreckung, hat 70 Jahre funktioniert und wird hoffentlich auch weiter funktionieren.“ Wer strategische Atomwaffen über Kontinente einsetze, müsse zwangsläufig mit seiner Auslöschung und der seines ganzen Landes rechnen…

Keiner ist sich sicher

Hundertprozentig sicher fühlten sich in dieser Frage weder der exzellent freihändig vortragende Udo Lielischkies, noch seine gut hundert rege mitdiskutierenden und fragenden Zuhörer. Was ist, wenn Putin unheilbar krank oder geistesgestört ist und einen „ganz großen Abgang mit Feuerwerk“ plant?, mutmaßte Lielischkies.

Der Ex-Kommerner und GAT-Schüler erwies sich einmal mehr als fundierter und gleichzeitig unterhaltsamer Erzähler, der im Plauderton mit einem Parforceritt durch die neuere Geschichte ebenso zu faszinieren wusste, wie mit seiner Betrachtung der russischen Seele und Einschätzung der Psyche des früheren Leningrader Straßenjungen Wladimir Putin, der sich bei Schlägereien durchzusetzen wusste und nur davon träumte, einmal ein KGB-Spion zu werden, was ihm schließlich mit 24 auch gelang.

Lielischkies ist ein brillanter Berichterstatter – auch von Anekdoten, für deren Einstreuen er sich überflüssigerweise immer wieder entschuldigte. Und er ist ein exzellenter Kenner des Geheimdienst-Bruderschafts-Mitglieds Wladimir Putin.

Der sei vermutlich hauptsächlich wegen seiner Loyalität unter gleichgesinnten korrupten Geldbeschaffern und Betrügern 1999 in die Nachfolge Boris Jelzins geraten. Der heutige Präsident auf Lebenszeit habe sich durch sein knallhartes Durchgreifen im Ersten Tschetschenienkrieg, das dem heutigen in der Ukraine zum Verwechseln ähnlich war, Qualifikationen erworben, die ihn für ganz oben empfahlen.

„Zur Kleptokratie geworden“

Russland sei nach anfänglichen wirtschaftlichen Erfolgen, von denen auch die so genannten kleinen Leute profitierten, mittlerweile zur „Kleptokratie“ verkommen und nach sechs Jahren Reallohnrückgang am Boden zerstört. Und über allem schwebe ein sich mit Lichtgeschwindigkeit von der Realität und Vernunft entfernender Quasi-Monarch, der sich nicht mehr für Wirtschafts- oder Gesellschaftspolitik interessiere.

Dass die Menschen auf der Straße ihm trotzdem ihre Sympathie und Treue zusprechen, ist für Udo Lielischlies nicht verwunderlich: „Er hat den Trick aller Autokraten erfolgreich benutzt, die Schuld auf einen angeblichen Aggressor von außen abzuwälzen.“ Und das sei der Westen mit seiner angeblich verkommenen Lebensart, die sich auch in der modernen Ukraine abzeichnet.

„Wir werden bedroht, die wollen uns fertigmachen, wir müssen zusammenhalten und uns auf Gedeih und Verderb dagegen wehren“: Mit diesen Worten gab der 68-Jährige die so erzeugte Haltung der meisten Russen wieder: „Selbst wenn jetzt tote Soldaten auf die Dörfer zurückgebracht werden, bilden sich die eigenen Eltern lieber ein, der Sohn sei in einer Art neuem Vaterländischen Krieg gegen den Faschismus für etwas Gutes gefallen, als für einen sinnlosen und brutalen Überfall auf ein friedliches Nachbarland.“

Fragen nach der vorgeblichen Bedrohung oder Einengung Russlands durch die Nato beschied der Moskaukorrespondent a.D. negativ: „Nicht ein einziges Mal haben wir Russland bedroht. Putin selbst hat 2004 auf einem gemeinsamen Gipfel gesagt, dass die Nato-Osterweiterung für Russland kein Problem sei.“

Welt von Despoten regiert?

Düster fiel auch Udo Lielischkies Rundumblick auf die Welt aus: „Wir haben heute mehr Autokraten an der Macht, als funktionierende Demokratien.“ Selbst in den eigenen Reihen gebe es unsichere Kantonisten wie Viktor Orbán, die polnische PIS-Partei oder Boris Johnson: „In Frankreich liegt Marie le Pen gerade mal sechs Prozent hinter Macron…“

Udo Lielischkies begann seine journalistische Laufbahn beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ in Euskirchen. Zum Fernsehen kam der Kommerner auf Umwegen: Erst machte er ein Praktikum beim Deutschlandfunk, dann bot er seine freie Mitarbeit dem WDR-Hörfunk an, schließlich erhielt der Kommerner eine Festanstellung als WDR-Rundfunkredakteur mit Moderation verschiedener Magazine.

Nach sieben Jahren Hörfunk wechselte Udo Lielischkies 1987 zum Fernsehen und wurde ab 1994 als Auslandskorrespondent eingesetzt. Seit 2014 war er ARD-Studioleiter in Moskau. 1989 erhielt er den Ernst-Schneider-Preis und wurde seither unter anderem für das Internationale Fernseh-Festival in Monte Carlo, den Goldenen Gong und den Deutschen Fernsehpreis nominiert.

Redakteur:

Holger Slomian aus Hürth

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