Kolonial-Unrecht
Reker übergibt Māori-Schädel in feierlicher Zeremonie

Bürgermeisterin Henriette Reker bedankte sich im Namen der Stadt Köln, dass die Delegation die weite Anreise aus Neuseeland auf sich genommen habe, ihren Angehörigen nach Hause zurückzuführen.
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  • Bürgermeisterin Henriette Reker bedankte sich im Namen der Stadt Köln, dass die Delegation die weite Anreise aus Neuseeland auf sich genommen habe, ihren Angehörigen nach Hause zurückzuführen.
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Köln - In einer feierlichen Übergabezeremonie hat die Stadt Köln einen
tätowierten Māori-Schädel – auch Toi moko genannt – aus der
Sammlung des Rautenstrauch-Joest-Museums an das Museum of New Zealand
Te Papa Tongarewa übergeben. Die Übergabe von menschlichen
Überresten der Māori ist Teil eines weltweiten Rückgabeprogramms,
das seit 2003 läuft.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker unterzeichnete am Dienstag, 26.
Juni, die Rückgabepapiere des sich seit 1908 im Besitz des Museums
befindenden Māori-Kopfes. Sie bedankte sich im Namen der Stadt Köln,
dass die Delegation die weite Anreise aus Neuseeland auf sich genommen
habe, ihren Angehörigen nach Hause zurückzuführen. „Sie haben uns
die Möglichkeit gegeben, das Unrecht, das unsere Vorfahren Ihren
Vorfahren angetan haben, wieder gut zu machen. Ich persönlich kann
die Verletzungen der Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber ich
habe mich beim Rat der Stadt Köln nach meinen Kräften, wie die
Mitarbeiter des Museums zuvor, dafür eingesetzt, Ihren tūpuna, Ihren
Vorfahren, aus der anonymen Sammlung hervorzuholen und ihm seine
Menschenwürde zurück zu geben.“

Reker bat im Namen aller Anwesenden um Entschuldigung für die
erlittenen Schmerzen und Unterdrückung, die die Kolonialpolitik im
19. Jahrhundert verursacht hat. Aus heutiger Sicht sei dies nicht mehr
nachvollziehbar. „In einer globalisierten Welt können wir nur
friedlich zusammen leben, wenn wir uns achten und gemeinsam für eine
gute Zukunft unserer Kinder einstehen.“ Mit diesen Worten wünschte
die Oberbürgermeisterin eine gute Rückkehr.

Der Maori-Schädel kehrt nun nach über 100 Jahren in seine Heimat
zurück. Der erste Museumsdirektor Willy Foy hatte ihn von einem
englischen Händler in London gekauft, der ihn zwei Jahre zuvor selbst
von einem Kaufmann erworben hatte. Wie dieser zu einem Toi moko kam,
ist nicht bekannt. Mit der europäischen Expansion und den
einhergehenden kolonialen Forschungspraktiken gelangten im 19. und 20.
Jahrhundert nicht nur ethnographische Artefakte, Ton-, Foto- und
Filmaufnahmen, sondern auch Haar-, Haut- und Gewebeproben, Mumien,
Skelette und Schädel weltweit in Museen und universitäre Sammlungen.
So gelangten auch die Māori-Schädel nach Europa. Traditionell
präparierten Māori die Köpfe von geschätzten männlichen
Verwandten, berühmten Chiefs oder von im Krieg getöteten Feinden.
Nachdem der erste Toi moko im Jahr 1771 nach Europa gelangt war,
erwachte dort die Sammelleidenschaft. Die Schädel avancierten in
zunehmendem Maße zum am meisten geschätzten Tauschgut gegen
europäische Waffen. In der Folge gingen einige Māori dazu über,
auch Sklaven tätowieren zu lassen.

Im frühen 19. Jh. entwickelte sich ein reger Handel mit Toi moko, die
so Eingang in Museumssammlungen fanden. Die Nachfrage nahm in den
Jahren 1811 bis 1820 derart zu, dass es zu unkontrollierten
Auswüchsen kam. Sammler suchten sich Tätowierungen lebender Sklaven
aus und vergaben „Auftragsarbeiten“. Überfälle auf besonders
tätowierte Personen häuften sich. Erst mit dem Verbot Ralph
Darlings, seinerzeit Gouverneur von South Wales, der auch für
Neuseeland zuständig war, erfolgte im Jahr 1831 das offizielle Ende
des Handels. Gleichwohl konnte man später noch einzelne Köpfe
erwerben.

Dekolonisierung und Globalisierung führten später zu einem
wachsenden Informationsaustausch zwischen westlichen Institutionen und
Vertretern der Herkunftsgesellschaften. Erste Rückgabeforderungen
einzelner sterblicher Überreste sogenannter „Human Remains“
wurden laut. Internationale Restitutionsdiskurse und
ethisch-rechtliche Auseinandersetzungen zwischen den betroffenen
Parteien begannen. Im Laufe des 21. Jahrhunderts sah die Fachwelt
menschliche Überreste nicht mehr als Objekte an, sondern
als verstorbene Individuen, die mit Würde zu behandeln waren. Deren
Verwahrung in einem deutschen Museum oder gar deren Ausstellung sind
daher heute ethisch umstritten.

Redakteur:

RAG - Redaktion

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