Holger Czukay Preis 2025
„Ich wollte, dass die Saz auch auf deutschen Bühnen klingt“
- Ata Canani und seine Bağlama (Saz - die anatolische Langhalslaute)
- Foto: Nadine Heller-Menzel
- hochgeladen von Dirk Conrads
Ozan Ata Canani erhält den Holger Czukay Preis für Popmusik der Stadt Köln
Ehrenpreis für Gentleman, Zukunftspreis für The Red Flags
Der Holger Czukay Preis für Popmusik der Stadt Köln würdigt Künstler und Künstlerinnen, die in Köln kreative Spuren hinterlassen haben oder die Popkultur der Gegenwart und Zukunft mitgestalten. Benannt nach dem legendären Musiker und CAN-Mitbegründer Holger Czukay, ist der Preis ein Bekenntnis zur lebendigen Poptradition der Stadt – und der höchstdotierte kommunale Popmusikpreis Deutschlands.
Es war ein Abend, der die Vielfalt und Strahlkraft der Kölner Poplandschaft feiert: Der Holger Czukay Preis für Popmusik ging 2025 an Ozan Ata Canani – einen Künstler, der wie kaum ein anderer für die Verbindung von Migration, Identität und Musik steht. Mit seinem unverwechselbaren Stil, der anatolische Klänge mit westlicher Popästhetik verschmilzt, prägte Canani die deutsch-türkische Musikszene seit den späten 1970er-Jahren und bleibt bis heute eine inspirierende Stimme für nachfolgende Generationen. Der mit 15.000 Euro dotierte Hauptpreis würdigt sein Lebenswerk und seine künstlerische Ausdauer, mit der er immer wieder Brücken zwischen Kulturen und Klangwelten gebaut hat.
Für sein außergewöhnliches musikalisches Schaffen wurde außerdem der international gefeierte Reggae-Musiker Gentleman mit dem Ehrenpreis geehrt. Seit über zwei Jahrzehnten steht er für eine authentische, weltoffene Reggae-Kultur, die von Köln aus in alle Richtungen strahlt. Sein Preis ist mit 5.000 Euro dotiert – ein symbolischer Dank für eine Karriere, die zeigt, dass Musik Grenzen nicht nur über-windet, sondern gänzlich neu denkt.
Den Zukunftspreis (2.500 Euro) erhielt in diesem Jahr die all-female Alternative-Rock-Band The Red Flags. Die junge Formation sorgt mit energetischen Performances und feministischer Haltung für frischen Wind in der deutschen Rockszene – laut, unbequem und mitreißend. Ihr Gewinn steht für den Aufbruch einer neuen Generation, die Haltung und Sound kompromisslos verbindet.
Vergeben wurde der Preis von einer unabhängigen Fachjury unter Vorsitz von Stefan Charles, dem Beigeordneten für Kunst und Kultur der Stadt Köln. Zur Jury gehörten in diesem Jahr Tobias Thomas - als Mitglied des aktuellen Beirats für Popkultur, Aydo Abay - Musiker und Autor, Senta Best - Autorin und Journalistin, Uh-Young Kim - Radio-Redakteur und DJ, Elke Kuhlen - Leitung c/o pop Festival, Stefanie Schrank - Musikerin und Bildende Künstlerin, Jury-Gast für 2025 war die Kulturmanagerin und DJ Meryem Erkus.
Die feierliche Verleihung fand auf Einladung von Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Montag, den 27. Oktober 2025 im Kulturbunker Köln-Mülheim statt. Sie wurde allerdings von Bürgermeisterin Brigitta von Bülow vertreten. Durch den Abend führte Carsten Schumacher (INTRO, Helga!, create music NRW). Für die musikalische Atmosphäre sorgten nicht nur die Preisträgerinnen selbst, sondern auch DJ Booty Carrell und weitere Überraschungsgäste, wie den renommierten Reggea Musiker Inti.
Unter den Laudatorinnen waren Simone Sohn (1Live), Sebastian Reier-Roelly (Münchner Kammerspiele) und Marius Brozi (Summer Jam Festival) angekündigt – Namen, die für unter-schiedliche, aber gleichsam prägende Perspektiven auf Popkultur stehen.
Ata Canani – Der vergessene Pionier des deutsch-türkischen Rock
Ata Canani ist ein Name, der viel zu lange nur Eingeweihten ein Begriff war – dabei erzählt seine Geschichte wie kaum eine andere von Migration, Musik und Mut. Geboren 1963 in der Türkei, folgt er 1975 seinem Vater nach Deutschland, der bereits als Gastarbeiter in Bremerhaven arbeitet. Bald zieht die Familie weiter nach Köln – jener Stadt, die später zum Epizentrum seiner künstlerischen Identität werden sollte.
Schon als Teenager gilt Canani als Wunderkind auf der Bağlama, der anatolischen Langhalslaute. Ende der 1970er Jahre wagt er etwas, das es bis dahin nicht gab: Er verbindet traditionelle türkische Klänge mit westlichem Rock und Pop – und singt auf Deutsch. So entsteht, quasi im Alleingang, der „türkische Rock’n’Roll“. In seinen sozialkritischen Texten erzählt Canani von Diskriminierung, Entwurzelung und dem harten Alltag der ersten Gastarbeitergeneration – Themen, die in der deutschen Musik jener Zeit kaum vorkommen.
Sein bekanntester Song, „Deutsche Freunde“, entsteht, als er gerade einmal 15 ist. Das Stück gilt heute als eine der ersten deutschsprachigen Stimmen aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes – und als frühes Dokument migrantischer Popgeschichte. Ende 1986 schließt sich Canani der Band „Die Kanaken 2“ an, einer Nachfolgeformation der legendären Gruppe um den türkischen Rockpoeten Cem Karaca. Danach verschwindet Ata lange aus dem Rampenlicht – bis 2013 sein Song „Deutsche Freunde“ auf der Kompilation Songs of Gastarbeiter des Münchner Labels Trikont neu entdeckt wird. Plötzlich rückt ein vergessenes Kapitel deutscher Musikgeschichte wieder ins Licht.
Mit seinem 2021 erschienenen Debütalbum „Warte mein Land, warte“ beweist Canani eindrucksvoll, dass seine Musik nichts an Relevanz verloren hat. Zwischen Krautrock, Pop und anatolischer Folklore schafft er Klangbrücken, die Generationen und Kulturen verbinden.
Als Musiker, Chronist und Brückenbauer ist Ata Canani längst mehr als ein lokales Phänomen der Kölner Popgeschichte – er steht für die kulturelle Hybridität eines ganzen Landes. Sein im Juni 2025 erscheinendes zweites Album „Die Demokratie“ kommt zum genau richtigen Zeitpunkt: als Hommage an einen visionären, bescheidenen und viel zu lange übersehenen Künstler, dessen Werk weit über die Musik hinausreicht. Vor der Preisverleihung trafen wir Ata Canani zum Interview.
Dirk Conrads (Conny) Ata, du bist 1975 nach Deutschland gekommen. Dein Vater hat dich mit einem Geschenk dazu überredet. Du bekamst eine Bağlama, bei uns als Saz bekannt.
Ata Canani lacht, als er sich erinnert: „Meine erste Saz war größer als ich. Aber sie war das schönste Geschenk meines Lebens. Eigentlich heißt sie Bağlama, aber bei uns in der Region nennt man sie Saz“, erklärt er. „Sie war mein Anker, meine Sprache, mein Zuhause.“
„Deutsche Freunde“ – vom Spott zur Hymne
Mit gerade einmal 15 Jahren schrieb Canani das Lied „Deutsche Freunde“. Darin kritisierte er die Heuchelei der Politik.
Dein erstes und bekanntestes Lied ist „Deutsche Freunde“. Eigentlich ein sehr kritischer Song. In „Deutsche Freunde“ geht es um die Behandlung von Gastarbeitern in Deutschland, die nicht als Maschinen, sondern als Menschen gekommen sind. (Es ist eine Anlehnung an einen Satz des Schriftstellers Max Frisch: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen“.)
„Ich meinte nicht das Volk“, sagt er. „Ich meinte die Politiker in Bonn, die sagten: ‚Unsere lieben ausländischen Freunde‘ – und uns im nächsten Moment mit 10.000 Mark heimschicken wollten.“
Damals lachten viele über seine Musik. „Für Deutsche war es zu orientalisch, für Türken zu deutsch.“ Nur Alfred Biolek zeigte Interesse. Danach verschwand Canani aus der Öffentlichkeit – bis das Lied Jahrzehnte später wiederentdeckt wurde. Heute nennen es viele die Hymne der ersten Gastarbeitergeneration.
Krautrock trifft Anatolien
In den späten 70ern kombinierte Ata Canani anatolische Melodien mit deutschen Krautrock-Rhythmen – lange bevor es den Begriff Weltmusik überhaupt gab.
Deine Songs sind eine Mischung aus Krautrock, Pop und traditioneller anatolischer Musik. Wie hast du all diese Musikstile zusammenbringen bringen können?
„Ich wollte, dass die Saz auf deutschen Bühnen klingt“, erzählt er. „Ich wollte sie an den Verstärker anschließen, zwischen Gitarren und Schlagzeug. Das war mein Traum.“
Was damals als Experiment belächelt wurde, gilt heute als früher Entwurf einer migrantischen Popkultur, die erst Generationen später ihren Platz fand.
Nun hast du dieses Jahr den „Holger Czukay Preis“ der Stadt verliehen bekommen. Es ist sogar der Hauptpreis. Was sagst du dazu? Macht dich das Stolz?
„Ich war schockiert“, erinnert er sich. „Ich habe die Mail, die mir Till Kniola geschickt hat, mitten in der Nacht gelesen. Da lief mein Leben wie ein Film ab: Der Junge, über den man lachte, bekommt plötzlich den Hauptpreis der Stadt Köln für Musik verliehen. Das ist mehr als nur eine Auszeichnung. Das ist schon eine sehr große Ehre für mich. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass es so weit kommen würde.
Demokratie ist kein Selbstläufer
Mit seinem neuen Album „Die Demokratie“ (2025) weitet Canani seinen Blick.
Um was geht es in diesem Album?
„Beim ersten Album ging’s um Gastarbeitergeschichten“, sagt er. „Jetzt geht’s um unsere Gegenwart. Demokratie ist ein Problem, wenn Menschen sie für selbstverständlich halten. Jede nicht abgegebene Stimme stärkt die Falschen.“ Er klingt ernst, fast kämpferisch. „Wenn wir die Demokratie einmal verlieren, kommt der Krieg – und keiner braucht das.“
Ich lasse es auf mich zukommen
Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Wie es weitergeht? Canani lächelt. „Ich lasse es auf mich zukommen. Musik findet ihren Weg – auch, wenn man aufhört, sie zu suchen.“
Dann nimmt er seine Saz, schlägt ein paar Akkorde an. Ein Klang, irgendwo zwischen Anatolien und Köln. Zwischen damals und jetzt. Zwischen Heimat und Haltung.
Buchautor Jochen Oberlack (Rübenrock), der ebenfalls zu Gast war, brachte das Fazit des Abends auf den Punkt: „Zwischen Bürgermeisterin, Musikpionieren und viel Applaus war es einer dieser Abende, an denen man merkt, wie lebendig Popkultur in Köln tatsächlich ist: Divers, widersprüchlich, wild – genau so, wie es Holger Czukay gefallen hätte. Und irgendwo zwischen Bar und Basslines dachten wir uns: Czukay lebt. Nur die Antennen haben sich verändert.“
LeserReporter/in:Dirk Conrads aus Köln |