Mit Kork gegen das Vergessen
Ruinenstadt Palmyra als Korkplastik nachgebaut

Dieter Cöllen lässt den Tempel wiederauferstehen – als detailgetreue Korkplastik.
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Alfter/Wesseling - Es war der 31. August 2015 als die Terrormiliz „Islamischer
Staat" vor den hilflosen Augen der Weltöffentlichkeit den über 2.000
Jahre alten Baaltempel und weitere Kunstschätze der syrischen
Ruinenstadt Palmyra unwiederbringlich dem Erdboden gleichmachte. Der
in Alfter lebende Architekt und Phelloplastiker Dieter Cöllen lässt
den Tempel wiederauferstehen – als detailgetreue Korkplastik.

Die legendäre Löwenskulptur aus dem Allattempel aus dem 1.
Jahrhundert vor Christus, das rund 2.000 Jahre alte Hadrianstor und
nicht zuletzt der ebenfalls über 2.000 Jahre alte Baaltempel – im
August 2015 sprengten die Dschihadisten des sogenannten „Islamischen
Staates" all diese Kulturschätze der syrischen Ruinenstadt, die zum
UN-Weltkulturerbe zählt, unwiederbringlich in die Luft. Von den
Plünderungen historischer Kunstschätze einmal ganz abgesehen.

Unmittelbar nach der Zerstörung des Baaltempels begann der in Köln
aufgewachsene und in Alfter lebende Bauzeichner und Künstler Dieter
Cöllen den Baaltempel im Maßstab von 1:100 in seinem Wesselinger
Atelier wieder aufzubauen. Sein Material: Kork. Über Jahrzehnte baut
der 63-Jährige historische Bauwerke als Korkplastiken nach, verkauft
sie an Auftraggeber in der ganzen Welt oder sie sind in renommierten
Museen zu sehen, etwa die Nachbildungen römischer Bauten aus Köln im
Kölner Praetorium.

Vieles an dem Projekt Palmyra ist anders als seine bisherigen
Arbeiten, etwa der Nachbau der Cheops-Pyramide oder der Leuchtturm von
Alexandria. Antriebfeder war nicht wie sonst der Spaß an der Arbeit,
sondern die Wut vor den Zerstörungen: „Mein Anliegen ist es zu
zeigen, was wir verloren haben und dadurch das Zerstörte wieder
erlebbar zu machen", erläutert Cöllen. Aufgrund des Bürgerkrieges
in Syrien gab es für ihn natürlich auch nicht die Möglichkeit sich
das Ruinenfeld vor Ort anzusehen. Zuletzt war er in den 1970er Jahren
in Palmyra: „Bevor ich ein Gebäude nachbaue, reise ich da hin,
schaue es mir an und atme die Mystik, die ich mitbekomme, ein." Im
Fall des Baaltempels ist er auf Zeitzeugen, Wissenschaftler und
Baupläne angewiesen. Wichtige Grundlage sind hier die
archäologischen Steinpläne von Henri Arnold Seyrig.

Schließlich erhebt Cöllen für seine Arbeiten den Anspruch
wissenschaftlich genau zu arbeiten, viele seiner Werke werden auch
Universitäten und Studenten zugänglich gemacht.

Der Wahl-Alfterer gilt als der weltweit einzige Phelloplastiker, also
ein Künstler der Korkbildnerei. Für seine Modelle verwendet er
portugiesische Korkeiche, da diese über die beste Qualität verfügt.
Wie ein Bildhauer schnitzt er dann detailgetreu die entsprechenden
Teile aus dem Eichenholz heraus und fügt diese nach und nach zu
seinen Modellbauten zusammen. Sein Material sei ein „nachwachsender
Rohstoff". Die Lebensdauer eines Korkmodells beträgt gut 300 Jahre.

Zurück zu Palmyra: „Mir geht es nicht nur um die zerstörten
Steine, in den Oasenfeldern um Palmyra leben bis zu 200.000 Menschen",
erklärt Dieter Cöllen, der selber eine syrische Flüchtlingsfamilie
in Alfter betreut. Ein junger Syrer kennt Palmyra aus erster Hand, da
er dort vor dem Bürgerkrieg Führungen für Touristen anbot: „Als
er mein Modell sah, standen ihm die Tränen in den Augen, für ihn ist
dies ein hochemotionales Ereignis."

Palmyra stehe aber auch als Symbol für das einst friedliche
Zusammenleben der unterschiedlichsten Religionen und Kulturen im
Zweistromland, meint Cöllen und begrüßt es, dass der Gerichtshof in
Den Haag den IS-Zerstörungen als „Verbrechen gegen die
Menschlichkeit" einstuft. Einem realen Wiederaufbau der zerstörten
Monumente steht der Korkkünstler allerdings kritische gegenüber. Ihm
wäre lieber, wenn das zerstörte Ruinenfeld so bleibt wie es nun ist:
„Daraus lese ich mehr heraus."

Mit der Rekonstruktion des Baal-Tempels hat Cöllen den Anfang
gemacht. Das Projekt sei noch ausbaufähig und er möchte gerne die
Gesamtanlage Palmyra wieder aufbauen. Alleine sei dies jedoch nicht zu
stemmen. Für dieses ehrgeizige Projekt sucht er jedoch noch
engagierte Mitstreiter und Sponsoren, die ihm helfen als „Teil des
lebendigen Widerstandes gegen die unerträgliche Zerstörung" ein
Mahnmal zu setzen.

- Frank Engel-Strebel

Redakteur:

RAG - Redaktion

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