BAD GODESBERG · GEDENKEN
Zehn Jahre danach - Stahlprofil aus Winnenden
- Zehn Jahre danach – und ein Stahlprofil aus Winnenden
- Foto: Ricardo Kappel mit NotebookLM
- hochgeladen von Ricardo Kappel
Wie die Stele für Niklas Pöhler in Bad Godesberg an einen Ort zurückführt, der nie zur Ruhe gekommen ist - und welche Details über den Fall heute noch erstaunen
Es ist nur ein Rondell.
Ein Hochbeet zwischen zwei Straßen, Rheinallee Ecke Rüngsdorfer Straße, wenige Schritte vom Rhein entfernt. Wer hier vorbeifährt, ohne es zu wissen, sieht nur ein paar Sträucher und seit Samstag eine 1,86 Meter hohe Säule aus rostbraunem Cortenstahl. Wer es weiß, sieht den Ort, an dem in der Nacht zum 7. Mai 2016 das Leben des 17-jährigen Niklas Pöhler aus Bad Breisig endete.
Genau zehn Jahre nach jener Nacht hat die Stadt Bonn am 9. Mai eine Gedenkstele eingeweiht. Sie zeigt das Profil des Jugendlichen, ihre Höhe entspricht exakt seiner Körpergröße, ihr Material ist absichtlich gewählt: Cortenstahl rostet, aber er zerfällt nicht. Er soll dauerhaft halten. So wie die Erinnerung.
„Ich hoffe, dass dieses Denkmal viele zum Nachdenken anregt und etwas verändert in der Gesellschaft. Das ist mein Wunsch." - Denise Pöhler, Mutter von Niklas
Rund 70 Gäste waren bei der Einweihung dabei. Niklas' Mutter Denise Pöhler ließ weiße Luftballons in den Himmel steigen, gemeinsam mit Oberbürgermeister Guido Déus (CDU), Bezirksbürgermeisterin Feyza Yildiz (CDU) und Polizeipräsident Frank Hoever legte sie Blumen nieder. Die Bezirksvertretung hatte das Projekt im Juni 2025 einstimmig beschlossen; 6.000 Euro übernimmt die Bezirksverwaltungsstelle aus dem Bezirksbudget.
Ein Detail, das niemand laut ausspricht:
die Stele kommt aus Winnenden
Wer die offizielle Pressemitteilung der Stadt Bonn aufmerksam liest, stößt auf eine Zeile, die in keiner Schlagzeile vorkommt: Entworfen und gefertigt wurde die Stele von Niklas' Mutter gemeinsam mit einem Unternehmen für Grabmale aus Winnenden - jener baden-württembergischen Stadt, deren Name seit dem Amoklauf an der Albertville-Realschule 2009 zum Synonym für sinnlose Jugendgewalt geworden ist. Dort, wo Eltern selbst zehn Jahre nach der Tat noch immer für ein schärferes Waffenrecht kämpfen, wird heute ein Denkmal gegen Gewalt gefertigt – für einen Jungen, der 2016 in Bonn starb. Eine Verbindung, die niemand inszeniert hat, und gerade deshalb so eindringlich wirkt.
Der Abend, der als Partyabend begann
Niklas Pöhler war kein Bonner. Er kam aus Bad Breisig, war 17 Jahre alt, Schüler, hatte am 6. Mai 2016 mit seiner Schwester und Freunden das Vorabendkonzert von „Rhein in Flammen" besucht. Auf dem Heimweg, nahe der Haltestelle Rheinallee, gerieten sie an eine Gruppe Jugendlicher, die sie zunächst nur anpöbelte. Was als verbale Provokation begann, eskalierte binnen Sekunden: Ein Faustschlag traf Niklas an der Schläfe, er sackte zusammen, ein Tritt folgte. Seine Freunde, die ihm zu Hilfe eilten, wurden ebenfalls attackiert. Erst als Passanten eingriffen, ließen die Angreifer von ihren Opfern ab.
Ein Notarzt reanimierte Niklas am Tatort. Er fiel ins Koma und starb sechs Tage später, am 12. Mai, in der Bonner Universitätsklinik.
Sechs Stunden, die fehlen
Was viele zehn Jahre später kaum noch erinnern: Bereits unmittelbar nach der Tat berichtete das Magazin Focus von einer Ermittlungspanne, die den späteren Prozess wie ein Schatten begleiten sollte. Die Polizei habe den Tatort erst gut sechs Stunden nach dem Angriff abgesperrt und mit der Spurensicherung begonnen, zitierte das Magazin einen hohen Ermittler - Spuren, so der Vorwurf, seien in dieser Zeit verlorengegangen. Die Polizei wies die Darstellung zurück. Zwölf Monate später, im Prozess vor dem Bonner Landgericht, würde es genau auf solche fehlenden Spuren ankommen.
Eine Jacke, die ihren Träger wechselte
In der Wohnung des damals 20-jährigen Hauptverdächtigen Walid S. fanden die Ermittler eine Jacke mit Blutspuren des Opfers. Eigentlich ein eindeutiges Indiz – wäre da nicht das, was folgte: Walid S. gab an, die Jacke nur geliehen zu haben. Der eigentliche Besitzer, der sich wegen einer anderen Sache in Untersuchungshaft befand, bestätigte zwar das Verleihen – aber an einen Dritten, nicht an Walid S. Dieser Dritte wurde vernommen und wieder freigelassen. Die Jacke blieb am Ende, was sie war: eine Spur, die in drei Richtungen führt.
Der Doppelgänger, der erst zwei Jahre später auftauchte
Kurz vor Prozessende ergab sich plötzlich ein zweiter Verdächtiger, der dem Angeklagten verblüffend ähnlich sah. Die Staatsanwaltschaft musste umdenken - am Ende beantragte sie selbst den Freispruch von Walid S. Erst im Frühjahr 2018, als sein eigenes Urteil rechtskräftig war und er nicht länger schweigen musste, sagte der wegen Zeugenbeeinflussung verurteilte Mittäter Roman W. aus: Nur er selbst und Walid S. seien an der tödlichen Auseinandersetzung beteiligt gewesen - und Walid S. habe geschlagen und getreten. Im Raum stand auch der Name eines vierten Mannes: Hakim D., ein Freund von Roman W., der Walid S. äußerlich stark ähnelte. Walid S.' Anwalt hielt die Aussage für einen Versuch, Hakim D. zu decken. Eine erneute Anklage gegen den freigesprochenen Walid S. war juristisch ausgeschlossen.
„Ich glaube, dass es den ein oder anderen gibt, der schwer trägt, weil er mit dieser Last leben muss und mit der Wahrheit hinterm Berg gehalten hat." - Frank Hoever, Polizeipräsident Bonn
Was aus Walid S. wurde
Wer in den vergangenen Jahren auf die Justizmeldungen aus der Region geachtet hat, weiß: Der 2017 freigesprochene Walid S. blieb nicht straffrei. 2018 verurteilte ihn das Amtsgericht Siegburg wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe. Im Sommer 2019 verhängte das Bonner Landgericht gegen ihn sechs Jahre Haft – unter anderem wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er einem am Boden liegenden Mann zweimal gegen den Kopf getreten hatte. Das Muster, das im Fall Niklas nie zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, fand seine Bestätigung in einem anderen Verfahren.
Der Junge, der seinen Vater schon verloren hatte
Bei der öffentlichen Trauerfeier im Mai 2016 – rund 700 Trauergäste, der damalige Oberbürgermeister Sridharan, der Kölner Weihbischof Ansgar Puff - würdigte der damalige Godesberger Pfarrer Wolfgang Picken Niklas als „liebenswerten und ernsthaften Jugendlichen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn". Picken erzählte auch von einem Detail, das in den Schlagzeilen meist unterging: Niklas hatte drei Jahre zuvor seinen Vater verloren. Er war gestrauchelt, wieder auf die Füße gekommen, hatte Pläne gehabt, sich verliebt. Der Bonner Rapper Djaspora - bekennender Muslim - trat in der katholischen Kirche mit einem eigens für Niklas geschriebenen Lied auf. Das Video war bis zum Tag der Beisetzung über 90.000 Mal aufgerufen worden.
Was bleibt – und was die Stadt seither tut
Aus dem „Runden Tisch gegen Gewalt", den Sridharan einberief, entstand in Zusammenarbeit mit der Philipps-Universität Marburg ein wissenschaftlich fundiertes Gewaltpräventionskonzept mit zwölf Handlungsempfehlungen. 2021 richtete die Stadt im Amt für Kinder, Jugend und Familie eine Fachberatung Gewaltprävention ein. Seit 2022 gibt es eigene Förderrichtlinien, jährlich werden sechsstellige Beträge bewilligt; seit 2024 läuft die Plattform „Bonn gegen Gewalt". Im Hintergrund: eine Dunkelfeldbefragung an Bonner Schulen, deren zweite Erhebung gerade läuft.
Bemerkenswert ist auch, was nicht mehr da ist: Die Initiative GoRespect, die jahrelang in Bad Godesberg gegen Gewalt warb und das Stele-Projekt mit angestoßen hatte, hat sich im Januar 2026 aufgelöst – wenige Wochen vor der Einweihung. Engagement endet, Stahl bleibt.
Die Frage, die in den Stahl gestanzt ist
Wer heute am Rondell vorbeikommt, kann den eingearbeiteten Text lesen. Er endet nicht mit einer Aussage, sondern mit einer Frage:
„Was kannst Du tun, um Gewalt zu verhindern?"
Die Antwort, sagt Niklas' Mutter, soll jeder für sich selbst geben. Die Akte ist juristisch geschlossen. Sie kann durch neue Hinweise jederzeit wieder geöffnet werden. Manche in Bad Godesberg, hofft der Polizeipräsident, tragen seit zehn Jahren schwer an dem, was sie damals wussten – oder bis heute schweigend wissen.
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Die Stele in Zahlen
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Höhe: 186 cm (Niklas' Körpergröße) · Material: Cortenstahl · Kosten: 6.000 Euro aus dem Bezirksbudget Bad Godesberg · Standort: Rondell Rheinallee/Ecke Rüngsdorfer Straße · Beschluss: Bezirksvertretung Bad Godesberg, 25. Juni 2025, einstimmig · Einweihung: 9. Mai 2026 · Hersteller: Bollermann GmbH, Winnenden (Baden-Württemberg)
LeserReporter/in:Ricardo Kappel aus Bad Honnef |
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