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Chronische Schmerzen
„Die Schmerzstärke ist nur eine Zahl“

Ralf Trogemann, Leitender Arzt der Klinik für Schmerzmedizin an der Helios Klinik Wipperfürth | Foto: Helios Klinik Wipperfürth
  • Ralf Trogemann, Leitender Arzt der Klinik für Schmerzmedizin an der Helios Klinik Wipperfürth
  • Foto: Helios Klinik Wipperfürth
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Wipperfürth. Fast jeder fünfte Mensch in Deutschland lebt mit chronischen Schmerzen. Für viele bedeutet das massive Einschränkungen im Beruf, im Alltag – und in der Lebensfreude. Wie moderne Schmerztherapie helfen kann, welche Erwartungen realistisch sind und was Angehörige wissen sollten, darüber spricht Ralf Trogemann, Leitender Arzt der Klinik für Schmerzmedizin an der Helios Klinik Wipperfürth.

Herr Trogemann, wann sollte man über eine Schmerztherapie nachdenken?
Wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren, sprechen wir von chronischen Schmerzen. Spätestens dann sollte man sich an einen spezialisierten Schmerztherapeuten wenden.
Wir behandeln in Wipperfürth alle Formen chronischer Schmerzen – Kopf- und Gesichtsschmerzen, Beschwerden des Bewegungsapparates, Nervenschmerzen oder auch Tumorschmerzen. Wichtig ist: Niemand muss damit allein bleiben.

Was unterscheidet eine moderne Schmerztherapie von einer rein medikamentösen Behandlung?
Chronische Schmerzen lassen sich selten allein mit Tabletten lösen. Unsere Therapie verläuft deshalb dreigleisig – wir sprechen von einem multimodalen Ansatz.
Erstens setzen wir auf aktivierende Maßnahmen wie Bewegungstherapie, Physiotherapie oder Entspannungsverfahren. Der Körper soll wieder in Bewegung kommen, denn Schonhaltung verschlimmert Schmerzen oft langfristig.
Zweitens arbeiten wir mit psychotherapeutischen Ansätzen. Dabei geht es nicht darum zu sagen: „Der Schmerz ist psychisch.“ Sondern darum zu verstehen, wie Schmerz entsteht, wie er sich im Nervensystem verfestigt und wie man besser mit ihm umgehen kann.
Und drittens kommen – wenn sinnvoll – spezielle medizinische Verfahren zum Einsatz: zielgerichtete medikamentöse Behandlung, minimalinvasive Eingriffe oder elektronische Verfahren zur Nervenstimulation.

Wie läuft der Weg vom ersten Termin bis zum individuellen Therapieplan ab?
Meist werden unsere Patienten vom Haus- oder Facharzt überwiesen. Beim ersten Termin nehmen wir uns viel Zeit: Wir analysieren die gesamte Krankengeschichte, vorhandene Befunde, bisherige Therapien und Medikamente.
Nach einer körperlichen Untersuchung besprechen wir gemeinsam die Ergebnisse und entwickeln einen individuellen Behandlungsplan.
Dieser kann ambulante Maßnahmen wie Physiotherapie oder eine angepasste Medikation umfassen. Wenn nötig, veranlassen wir weitere Diagnostik.
Ein wichtiger Baustein ist außerdem unsere stationäre multimodale Schmerztherapie, die über etwa 15 Tage geht. Dort lernen Patienten intensiv, wie sie ihren Alltag aktiv gestalten und wieder mehr Kontrolle über ihr Leben gewinnen können.

Viele Patienten hoffen, nach der Therapie schmerzfrei zu sein. Wie realistisch ist das?
Diese Erwartung begegnet mir häufig – und sie ist verständlich. Aber vollständige Schmerzfreiheit ist bei chronischen Schmerzen eher die Ausnahme.
Es gibt Einzelfälle, etwa bei bestimmten Migräneformen oder rheumatischen Erkrankungen, bei denen wir durch gezielte Therapie eine deutliche oder sogar vollständige Besserung erreichen können. Doch die meisten chronischen Erkrankungen begleiten einen Menschen ein Leben lang.
Unser Ziel ist deshalb ein anderes: mehr Lebensqualität trotz Schmerz.
Und hier kommt mein Satz ins Spiel: „Die Schmerzstärke ist nur eine Zahl.“
Viele Patienten fixieren sich stark auf die Schmerzskala von 0 bis 10. Aber entscheidend ist nicht allein, welche Zahl dort steht, sondern:

• Kann ich wieder spazieren gehen?
• Kann ich arbeiten?
• Treffe ich Freunde?
• Schlafe ich besser?

Wenn ein Patient trotz einer Schmerzstärke von „6“ wieder aktiv am Leben teilnehmen kann, dann haben wir viel erreicht.

Bei wie vielen Patienten gelingt das?
Eine vollständige Schmerzfreiheit erreichen wir nur im einstelligen Prozentbereich. Aber das ist nicht unser alleiniger Maßstab.
Wir freuen uns, wenn Patienten berichten, dass sie ihren Alltag wieder selbstbestimmter gestalten können. Wenn die Arztbesuche seltener werden, weil sie Strategien gelernt haben, mit dem Schmerz umzugehen – dann ist das ein großer Erfolg.
Was raten Sie Menschen, die schon vieles ausprobiert haben und die Hoffnung verlieren?
Viele Betroffene waren noch nie bei einem spezialisierten Schmerztherapeuten – aus Unwissenheit, wegen langer Wege oder weil niemand sie überwiesen hat.
Ich rate dringend: Nicht resignieren. Aktiv nach spezialisierten Angeboten suchen. Chronischer Schmerz ist komplex – und braucht Experten, die genau darauf geschult sind. Oft kann sich mehr verändern, als man denkt.

Wo liegen die Grenzen der Schmerztherapie?
Die Grenzen sind sehr individuell. Entscheidend ist auch, wie bereit jemand ist, Veränderungen im eigenen Leben umzusetzen. Bewegung, Stressreduktion, neue Denkmuster – das verlangt Engagement.
Natürlich gibt es körperliche Grenzen, gerade im höheren Alter. Und nicht jeder kann noch große Aktivitätssteigerungen erreichen.
Manchmal sehen oder nutzen Patienten ihre Möglichkeiten aber auch nicht – und verbauen sich dadurch Chancen. Hier braucht es Motivation, Geduld und Vertrauen.

Wie können Angehörige unterstützen?
Für Außenstehende ist chronischer Schmerz schwer nachvollziehbar. Man sieht ihn nicht. Und genau das macht es für Betroffene oft besonders belastend.
Sätze wie „Du siehst doch gut aus“ werden schnell als Infragestellung empfunden. Wenn man fragt „Wie geht es dir heute?“, sollte man auch bereit sein zuzuhören.
Gleichzeitig ist es ein Balanceakt: Zu viel Hilfe kann als Entmündigung erlebt werden, zu wenig als Überforderung. Offener Austausch ist entscheidend.
Man sollte gezielt nachfragen: „Was würde dir heute helfen?“ – und den Betroffenen ernst nehmen, ohne ihm alles abzunehmen.

Ihr nächster Vortrag „Was bedeutet chronischer Schmerz?“ am 11. März richtet sich speziell an Angehörige von chronischen Schmerzpatienten. Was dürfen Besucher erwarten?
Ich möchte gerne den Zuhörern vermitteln, was es bedeutet, jeden Tag mit Schmerzen aufzuwachen und welche Herausforderungen auf die direkten Betroffenen zukommen. Denn nur dann kann man bei sich als „Gesunder“ mehr Verständnis für die oder den Betroffenen entwickeln.

Vortragstermin: „Was bedeutet chronischer Schmerz?“ – Vortrag ausdrücklich nur für Angehörige von Menschen mit chronischen Schmerzen“ / 11. März um 18 Uhr/ Helios Klinik Wipperfürth

Eintritt kostenlos. Anmeldung unter 02267-8890 erwünscht.

LeserReporter/in:

Marco Wehr aus Wipperfürth

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