Die Wochenzeitungen im Rheinland - lokale Nachrichten, Termine und Anzeigen

Berufsfindungsmesse: Allzu „verkopft“ ist auch nicht gut

47_be_berufsfindungsmesse 003

Gut besucht war die Berufsfindungsmesse an der igs in Beuel.

Foto:

Harald Weller

Beuel -

Die Integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel öffnete bereits zum 5. Mal ihre Türen. Zu Gast waren diesmal 6 Berufskollegs, 8 Jugenddörfer, 9 Ambulante Träger von Maßnahmen, 2 Werkstätten sowie lokale Betriebe. Die Agentur für Arbeit war da, der Integrationsfachdienst, intra, Bonnfairbindet, die IHK, die Handwerkskammer, die Initiative Inklusiver Arbeitsmarkt Alfter und die Landwirtschaftskammer. Organisiert hatte die Messe der „Runde Tisch Berufsorientierung Bonn/Rhein Sieg“.

Bei dem schier überwältigenden Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten für junge Leute mit Förderbedarf nahm es nicht Wunder, dass Schirmherr Manfred Lütz erhebliche Mühe hatte, seine Begrüßungsrede verständlich zu Ende zu bringen. Die Aula der Schule war schlicht und einfach voll. Und die jungen Interessenten für eine Berufsausbildung drängten darauf, ihren Informationshunger gestillt zu bekommen.

47_be_berufsfindungsmesse 076

Die Schüler nutzten die Chance, Informationen aus erster Hand zu bekommen.

Foto:

Harald Weller

Manfred Lütz brach erwartungsgemäß eine Lanze für die Menschen mit Förderbedarf. Schließlich seien die sogenannten Normalos in der Vergangenheit so erschreckend normal gewesen, dass man sich hätte fragen können, ob sie noch ganz normal seien. Dazu bemühte er die Beispiele Hitler, Stalin und Mao. Über Menschen mit Förderbedarf sagte er, sie seien ihm lieber als so mancher 1er Kandidat im Abi. Die könnten oft nicht mal Kaffee trinken, seien also völlig verkopft und somit für viele Berufe nicht geeignet.

So weit brauchte man sich philosophisch aber gar nicht aus dem Fenster zu lehnen. Die rund 500 Interessenten waren nicht gekommen, um zu philosophieren, sie wollten vielmehr konkrete Ergebnisse und Informationen. Und die bekamen sie auch. Die Atmosphäre war lebendig. Die Standbesatzungen der verschiedenen Anbieter hatten alle Hände voll zu tun. 

47_be_berufsfindungsmesse 017

Menschen mit Förderbedafr sind Schirmherr Manfred Lütz lieber, als „so mancher 1er Kandidat im Abi.

Foto:

Harald Weller

Sarah war mit ihrer 10. Klasse von der Rheinschule da. Sie schaute sich beim Robert-Wetzlar-Berufskolleg Bonn um. Dort gibt es berufliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung im Berufsfeld Ernährung und Versorgungsmanagement. Bildungskoordinator Volker Hoffmann konnte alle Fragen beantworten. Ziel des Bildungsgangs ist die Vorbereitung auf eine Erwerbstätigkeit. Dies kann konkret eine Hilfstätigkeit auf dem 1. Arbeitsmarkt bedeuten, ein betriebsintegrierter Arbeitsplatz, eine Tätigkeit in einem Integrationsunternehmen, eine Fachpraktikerausbildung oder eine Arbeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Das CJD Berufsbildungswerk Dortmund bietet Chancen für ‚Autismus und Berufsausbildung‘. Vielfältige Berufsbilder sind im Angebot. Auf der Messe zeigten Christian und Patrick, wie sie den Beruf des Malers mit Hilfe des CJD erlernen: „Wir haben Vorteile gegenüber denen mit normaler Ausbildung“, so Christian. „Wir gehen in die Berufsschule, haben aber darüber hinaus in der Praxis viele Dinge, die wir üben können und sind so denen voraus, die das in ihrer Ausbildung eben nicht können.“

Jeanette hat etwa 10 Schüler und Schülerinnen dabei, die sich umfassend informieren wollen. Sie wissen gar nicht, was sie sich zuerst anschauen sollen. Deshalb  suchen sie zunächst Hilfe am Stand der Agentur für Arbeit. Gar nicht so einfach: Die Vielfalt ist schon erstaunlich.
„Gegenüber früher ist das heutige Angebot für die jungen Leute gewaltig“, meint Jeanette. Immer wieder hören wir an den Ständen das Wort  „Fachpraktiker“. Das ist eine Ausbildung, deren Ansprüche sich nach dem Vermögen der Bewerber richtet.
‚intra‘ aus Bonn lässt sich etwas Besonderes im Bereich „Hauswirtschaft“ einfallen. „Wir verkaufen die Produkte, die wir in der Lehrküche herstellen, an Altenheime und ähnliche Institutionen“, sagt Sabine Voss.
Am Ende unseres Besuches treffen wir beim BBiG Marie. Marie kennen wir aus einer Vorgängerveranstaltung. Sie sitzt im Rollstuhl und hatte damals ihre Berufsausbildung zur Fachangestellten für Büroangelegenheiten begonnen. Marie sieht uns und strahlt: „Ich habe jetzt eine feste Stelle, bin rundum zufrieden und mache im Unternehmen die Bürokommunikation.“ Marie hat‘s geschafft. Möge das auch für die vielen anderen gelten, die hoffnungsfroh die wirklich überbordenden Angebote der Aussteller bei der Berufswahlmesse 2017 begutachten.