Stolpersteine in Bad Godesberg verlegt
Erschütternde Schicksale

An drei Stolpersteinen im Gedenken an die Familie Weil an der Alten Bahnhofstraße startete der Rundgang am Holocaust-Gedenktag zu zahlreichen Stolpersteinen.
  • An drei Stolpersteinen im Gedenken an die Familie Weil an der Alten Bahnhofstraße startete der Rundgang am Holocaust-Gedenktag zu zahlreichen Stolpersteinen.
  • Foto: AS

Bad Godesberg (as). Seit dem Jahr 2002 sind im Bonner Stadtgebiet 325 Stolpersteine verlegt worden. Die Stolpersteine sind ein im Jahr 1992 begonnenes Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit im Boden verlegten 10 mal 10 Zentimeter großen Gedenktafeln soll an die Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die Steine werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster, beziehungsweise den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. In 21 Ländern Europas erinnern heute mehr als 70.000 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus. Finanziert werden die Stolpersteine von Paten.

Aus Anlass des 77. Jahrestages der Befreiung der Menschen im Konzentrationslager Auschwitz organisierte die Bad Godesberger Facebook-Gruppe „I love Bad Godesberg“ einen Rundgang durch die Bad Godesberger Innenstadt. Mitinitiator Holger Hannes begrüßte die kleine Teilnehmergruppe bei der wegen Corona wohl einzigen Bonner Gedenkveranstaltung zunächst auf der Alten Bahnhofstraße. Dann erläuterte die Journalistin Dr. Ebba Hagenberg-Miliu auf dem Weg durch die Innenstadt an 13 Stolperstein-Standorten die Geschichte der dort benannten 33 Opfer. In Godesberg wurden seit 2002 bislang 59 Steine gelegt, erzählte die Journalistin. Sie freute sich mit den anderen Teilnehmern beim Rundgang, als sich einige Teilnehmer spontan entschlossen, selbst neue Stolpersteine zu spenden. Zur Geschichte der Juden in Bad Godesberg erfuhr man beim Rundgang, dass 1939, als zahlreiche jüngere jüdische Godesberger geflohen waren, noch 83 meist ältere Juden in Bad Godesberg lebten, Mitglieder der Gemeinde und Konvertierte, isoliert und zusammengepfercht in fünf sogenannten „Judenhäusern“. 1942 wurden die Juden ins Lager im Endenicher Kloster und über Köln-Deutz in die Todeslager gebracht. „Alle mussten sterben. Zurück nach Godesberg kam 1945 nur die alte Muffendorferin Mathilde Dardenne.

Eindrucksvoll trugen die Teilnehmer beim Holocaust-Gedenktag leuchtende Windlichter und Rosen zu jedem Stolperstein. Lebensgeschichten, wie beispielsweise die der 83 Jahre alten Henriette Oster aus der Burgstraße 46 und vom kurzen Leben des gerade einmal fünfmonatigen Babys Denny Heidenheim aus der Kolfhausstraße 18 wurden auf dem Rundgang geschildert. Am Ort der ehemaligen Synagoge an der Oststraße spielte Klarinettist Matthias Höhn melancholische Klezmer-Musik. Ebba Hagenberg-Miliu ging beim Rundgang auch auf die für die „Nachgeborenen“ so schmerzhafte Frage ein, wie eigentlich die nicht jüdischen Godesberger reagierten, als ihre Mitbürger in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Sie nannte Beispiele von Hilfsbereitschaft bis dahin, das eigene Leben zu riskieren, aber auch Beispiele von bereitwilligem Boykott jüdischer Geschäfte, von Verrat, von Denunziation, von Gewalt und gieriger Bereicherung an vormals jüdischem Besitz. Insgesamt war es bei regnerischer Witterung ein ausgesprochen nachdenklicher Abend im Kerzenschein. 

Redakteur:

Alfred Schmelzeisen aus Bad Godesberg

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